Nornen in der nordischen Mythologie: Mythos, Namen und Quellen
Der Mythos in Kürze: Wer die Nornen sind
Die Nornen sind die Schicksalsgöttinnen der nordischen Mythologie: Urd, Verdandi und Skuld sitzen der Überlieferung nach am Brunnen Urd unter den Wurzeln des Weltenbaums und weben oder bestimmen dort das Schicksal von Menschen und Göttern. Wo das steht: Völuspá und Gylfaginning der Snorra-Edda; die vollständigen Fundstellen mit Ausgabe und Strophe folgen weiter unten im Abschnitt „Wo das steht“.
Nornen im Steckbrief: Definition, Rolle und Quellen
| Merkmal | Angabe (mit Fundstelle) |
|---|---|
| Mythologie | nordische Mythologie, Schicksalsgöttinnen beziehungsweise Schicksalsweberinnen der Edda-Überlieferung |
| Rolle | weben beziehungsweise bestimmen das Schicksal von Menschen und Göttern, so die Gylfaginning (Kapitel 15) |
| Namen | Urd, Verdandi und Skuld |
| Sitz | Urðarbrunnr, der heilige Brunnen unter der dritten Wurzel der Weltenesche Yggdrasil, wo die Götter zu Gericht sitzen (Gylfaginning Kap. 15) |
| Bezüge | Yggdrasil, Frigg und Ragnarök als unterstützende Gestalten des Kokons — Einzelheiten im Abschnitt „Bezüge zu anderen Gestalten“ |
| Hauptquellen | Karl Simrock, Die Edda, Stuttgart 1876 (Übersetzung); ergänzend Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, Göttingen 1844 |
Der Mythos: Die Nornen am Brunnen Urd
In der Erzählung sitzen die Nornen an den Wurzeln des Weltenbaums Yggdrasil, dort, wo der heilige Brunnen Urd sein klares Wasser hält, und wo die Götter, so berichtet es die Überlieferung, Tag für Tag zu Gericht sitzen. Von dort aus weben oder bestimmen sie, so die Völuspá, das Schicksal der Menschen und der Götter: was geschehen ist, was gerade geschieht, und was geschehen soll, liegt in ihrem Wirken. Was die Nornen weben, bleibt in dieser Erzählung Inhalt der Quelle: keine Vorhersage, keine Deutung, keine Botschaft für die Gegenwart. Neben dem Brunnen, so erzählt es die Gylfaginning, stehen drei Frauen, aus denen die Überlieferung die Nornen macht: sie kommen aus dem Wasser und übernehmen dort, am Fuß des Weltenbaums, ihre Aufgabe für Götter und Menschen. Der Weltenbaum selbst trägt in der Überlieferung noch weit mehr als diesen einen Brunnen; wer ihn als Ganzes kennenlernen möchte, findet die eigene Seite zu Yggdrasil weiter unten, im Abschnitt zu den Bezügen dieser Seite.
„Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,
Karl Simrock (Übersetzer), Die Edda, 1876, Völuspá, Strophe 19 (Ältere Edda). Schreibweise der Ausgabe beibehalten (Thau, Urds Brunnen statt heutiger Schreibweisen).
Den hohen Baum netzt weißer Nebel;
Davon kommt der Thau, der in die Thäler fällt.
Immergrün steht er über Urds Brunnen.“

Namensherkunft: Urd, Verdandi und Skuld bei Jacob Grimm
Die Deutung der drei Namen als Zeit-Bezug ist keine Aussage der Edda selbst, sondern eine sprachliche Herleitung aus dem 19. Jahrhundert: Laut Jacob Grimms Deutscher Mythologie sind Urdr, Verdandi und Skuld drei Verbformen desselben Wortstamms. Urdr geht danach auf den Pluralablaut von verda (vard, urdum) zurück, das für „werden“ beziehungsweise „geschehen“ steht. Verdandi ist, so Grimm, das Partizip Präsens desselben Worts, Skuld das Partizip Präteritum von skula. Aus dieser Herleitung liest Grimm das Gewordene, das Werdende und das Werdensollende — oder, in seinen eigenen Worten, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diese zeitliche Lesart ist eine gelehrte Interpretation, kein Bestandteil der Völuspá oder der Gylfaginning selbst, und diese Seite behandelt sie entsprechend als Deutung, nicht als unbestrittene Tatsache. Auch der Name des Brunnens folgt laut Grimm derselben Ableitung: Urðarbrunnr trägt den Namen der ersten der drei Nornen, weil, so Grimm, Urd im Norden bedeutsamer als die beiden anderen gewesen sein müsse.
Attribute: Urd, Verdandi und Skuld am Urðarbrunnr
- Urd: die Norne, die laut der Deutung aus der Namensherkunft (siehe oben) für das Vergangene, das Gewordene steht; in der Völuspá wird sie als erste der drei genannt.
- Verdandi: die Norne des Werdenden, des Gegenwärtigen; in der zitierten Simrock-Ausgabe erscheint der Name als „Werdandi“ geschrieben.
- Skuld: die Norne des Werdensollenden, des Zukünftigen. Die Reihenfolge, in der die drei Namen genannt werden, ist in der Überlieferung selbst nicht einheitlich; der Abschnitt zur Lesartendifferenz weiter unten benennt beide Fundstellen, statt eine Reihenfolge als richtig auszuweisen.
- Urðarbrunnr: der Brunnen, an dem die Nornen sitzen, trägt den Namen Urds.
- Neben Urd, Verdandi und Skuld kennt die Überlieferung, so die Gylfaginning, noch weitere Nornen aus Asen-, Alfen- und Zwergengeschlecht: eine größere, uneinheitliche Gruppe, die diese Seite nicht auf die drei Hauptnamen verkürzt.
Bezüge zu anderen Gestalten: Yggdrasil, Frigg und Ragnarök
Drei Gestalten aus dem Umfeld dieser Seite verdienen einen eigenen Blick, auch wenn nicht jede Verbindung im Quellentext ausdrücklich belegt ist.
- Yggdrasil: Die Nornen sitzen, wie der Mythos-Abschnitt oben erzählt, an den Wurzeln dieses Weltenbaums, am Brunnen Urd, ein belegter Ortsbezug. Mehr zum Baum selbst auf der Seite Yggdrasil, der Weltenbaum, an dessen Wurzeln die Nornen sitzen.
- Frigg: Im selben Themenfeld weiblicher Schicksals- und Göttinnengestalten des Kokons steht Frigg; die geprüften Kapitel nennen jedoch keine direkte Text- oder Handlungsverbindung zwischen den Nornen und Frigg (Gylfaginning Kap. 15-16). Der Bezug bleibt rein struktureller Natur.
- Ragnarök: Auch Ragnarök gehört strukturell zum selben Themenfeld: Die geprüften Kapitel 15-16 der Gylfaginning nennen keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Nornen und dem Weltenuntergang (Gylfaginning Kap. 15-16).
- Einordnung im Kokon: Wer die nordische Mythologie insgesamt überblicken möchte, findet die Übersicht zur nordischen Mythologie.
Wo das steht: Ausgabe, Kapitel und Strophe
Völuspá steht als namentlich gesetzter Ausgangspunkt am Anfang dieser Tabelle; Gylfaginning und Grimms Deutsche Mythologie ergänzen sie um Gerichtsstätte, Namen und Namensdeutung.
| Aussage | Werk | Ausgabe und Übersetzer/Autor | Kapitel bzw. Strophe |
|---|---|---|---|
| Yggdrasil und Urds Brunnen | Völuspá (Ältere Edda) | Karl Simrock, Die Edda, 1876 | Strophe 19 |
| Die drei Frauen Urd, Werdandi und Skuld | Völuspá (Ältere Edda) | Karl Simrock, Die Edda, 1876 | Strophe 20 |
| Urds Brunnen als Gerichtsstätte der Götter | Gylfaginning (Snorra-Edda) | Karl Simrock, Die Edda, 1876 | Kapitel 15 |
| Drei Mädchen, genannt Urd, Skuld und Werdandi | Gylfaginning (Snorra-Edda) | Karl Simrock, Die Edda, 1876 | Kapitel 15 |
| Namensdeutung Urdr, Verdandi, Skuld als Zeit-Bezug | Deutsche Mythologie | Jacob Grimm, 2. Ausgabe, Göttingen 1844 | Band 1, S. 376-377 |
| Ableitung des Brunnennamens von Urd | Deutsche Mythologie | Jacob Grimm, 2. Ausgabe, Göttingen 1844 | Band 1, S. 379 |
| Vorlage der Gylfaginning | Snorra-Edda | Snorri Sturluson (Verfasser), zitiert nach Simrock 1876 | entfällt |
Hinweis zur Reihenfolge: Dieselbe Ausgabe nennt die drei Namen zweimal in unterschiedlicher Folge. Die Völuspá zählt Urd, Werdandi und Skuld (Strophe 20), die Gylfaginning dagegen Urd, Skuld und Werdandi (Kapitel 15). Keine der beiden Fundstellen wird hier als die richtige ausgewiesen; beide stehen nebeneinander, wie die Ausgabe selbst sie überliefert. Deshalb trägt jede Nennung der drei Namen auf dieser Seite ihre eigene Fundstelle. Welche Ausgaben und Übersetzer die Edda-Überlieferung insgesamt umfasst, beschreibt die Seite Edda-Quellen: Ausgaben und Übersetzer im Überblick.
Was das heute bedeutet: Die Nornen in God of War Ragnarök
Im Videospiel God of War Ragnarök (Santa Monica Studio, 2022) treten die Nornen als Figuren am Urd-Brunnen auf; sie geben den Spielfiguren Kratos und Freya rätselhafte Hinweise. Im Spiel sind außerdem 35 sammelbare „Nornentruhen“ über die Spielwelt verteilt, ein Zahlenwert, den zwei unabhängige Fachquellen aus dem Gaming-Bereich übereinstimmend nennen. Das ist eine Angabe zur Rezeption des Spiels, keine Aussage über die Edda-Überlieferung selbst: Was die Völuspá und die Gylfaginning über die Nornen erzählen, steht im Mythos-Abschnitt weiter oben, getrennt von diesem Abschnitt zur heutigen Bedeutung.
Leserfragen zu den Nornen
Wie heißen die drei Nornen?
Urd, Verdandi und Skuld: so lauten die drei Namen der Nornen. Die Reihenfolge, in der die drei Namen genannt werden, ist zwischen Völuspá und Gylfaginning nicht einheitlich; der Abschnitt zur Lesartendifferenz weiter oben führt beide Fundstellen einzeln auf.
Was bedeutet das Wort Norne?
Laut Jacob Grimms Deutscher Mythologie hängen die drei Namen sprachlich mit Verbformen von werden beziehungsweise geschehen zusammen: Urdr mit dem Gewordenen, Verdandi mit dem Werdenden, Skuld mit dem Werdensollenden, also mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diese Deutung steht in Grimms Kommentarwerk, nicht in der Edda selbst; Einzelheiten finden sich im Abschnitt zur Namensherkunft weiter oben.
Wie heißt eine der Nornen?
Eine der drei ist Urd, die für das Vergangene stehende Norne. Nach ihr benennt die Überlieferung auch den Brunnen, an dem alle drei sitzen: den Urðarbrunnr.
Wie heißen die drei Schicksalsgöttinnen?
Dieselben drei wie oben: Urd, Verdandi und Skuld. Der Steckbrief weiter oben auf dieser Seite fasst Rolle, Namen und Quellen noch einmal im Überblick zusammen.
Quellen und Ausgaben
- Karl Simrock (Übersetzer), Die Edda, Stuttgart 1876: enthält Völuspá und Gylfaginning, Leitausgabe dieser Seite.
- Snorri Sturluson, Verfasser der Gylfaginning-Vorlage, zitiert nach Karl Simrocks Übersetzung von 1876.
- Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, 2. Ausgabe, Göttingen 1844: Quelle der Namensdeutung Urdr, Verdandi, Skuld.
- Zitiert werden ausschließlich gemeinfreie Ausgaben; beide hier verwendeten Werke sind nach § 64 UrhG (70 Jahre post mortem auctoris) gemeinfrei, Simrock (†1876) seit 1946, Grimm (†1863) seit 1933. Rein methodisch, keine Rechtsberatung.