Frigg in der nordischen Mythologie: Fensal und Vorauswissen

Wodan und Frea stehen an einem bogenförmigen Fenster im Himmel, sie legt die Hand auf seine Schulter, darunter Wolken; Farbtafel von Emil Doepler.
Emil Doepler, 1905, gemeinfrei. Wodan und Frea stehen an einem bogenförmigen Fenster im Himmel, die Hand an seiner Schulter, darunter Wolken; Farbtafel aus Emil Doepler: Walhall, die Götterwelt der Germanen, Martin Oldenbourg, Berlin, ca. 1905, oberer Teil von Seite 12, über Wikimedia Commons.

Der Mythos in Kürze: Frigg, die vornehmste der Asinnen

Frigg ist in der nordischen Mythologie die vornehmste der Asinnen, Fiörgwins Tochter aus dem Asengeschlecht; ihr gehört der Pallast, „der Fensal heißt“. Dieselbe Ausgabe sagt, sie wisse aller Menschen Geschick, obgleich sie es Keinem vorhersagt.

Frigg im Steckbrief: Definition, Rolle, Verwandtschaft, Fundstellen

MerkmalAngabe
Mythologienordische Mythologie, Asengeschlecht
NameFrigg; Nebenform Frigga
Herkunft„Fiörgwins Tochter“ (Gylfaginnîng 9, S. 255)
Rang„die vornehmste“ der Asinnen (Kap. 35, S. 270)
WohnortFensalir, in der Ausgabe „Fensal“ (S. 270)
Eigenschaft„weiß aller Menschen Geschick“, ohne Vorhersage (Kap. 20, S. 262)
VerwandtschaftBaldurs Mutter, Odhins Gemahlin (Kenningliste, S. 344)
HandlungEide für Baldur (Kap. 49, S. 286)
QuellenSimrock 1876; Meyers 4. Auflage 1887

Der Mythos: Frigg auf dem Hochsitz Hlidskialf

„Odhin und Frigg saßen auf Hlidskialf und überschauten die Welt“, heißt es in der Prosa-Einleitung des Grimnismâl. Über die beiden Pfleglinge entspinnt sich ein Wortwechsel, und Frigg handelt darin selbst: Sie „sandte ihr Schmuckmädchen Fulla zu Geirröd und trug ihr auf, den König zu warnen“. Den Hochsitz verortet dieselbe Ausgabe in Asgard.

Die Eide und der Mistelzweig: Friggs Anteil

„Da nahm Frigg Eide von Feuer und Waßer, Eisen und allen Erzen … daß sie Baldurs schonen wollten“. Der verkleideten Fragerin nennt die Gylfaginnîng die eine Ausnahme: „Mistiltein genannt, die schien mir zu jung, sie in Eid zu nehmen“. Wenige Zeilen später nennt die Ausgabe den Mistelzweig. Denselben Zug bezeugt das Vegtamskvidha: „Frigg nahm die festen Schwür in Empfang“, von Simrock als zugesetzt eingeklammert.

Odin und Frigg auf dem Hochsitz Hlidskialf, dazwischen eine geflügelte Nebenfigur mit erhobener Hand; historische Buchillustration von Lorenz Frølich.
Lorenz Frølich, 1895, gemeinfrei. Odin und Frigg sitzen gemeinsam auf dem Hochsitz Hlidskialf, wie es die Prosa-Einleitung des Grimnismâl schildert; Blatt aus Karl Gjellerup: Den ældre Eddas Gudesange, 1895.

Namensformen: Frigg, Frigga und der dreifache Vatersname

Leitform ist Frigg, Nebenform im Deutschen Frigga. Der Vatersname steht in derselben Ausgabe dreifach: Fiörgwin (Prosa, Gylfaginnîng 9, S. 255), Fiörgyn (Lied, Ögisdrecka Str. 26, S. 75), Fiorgyn (Kenningliste, S. 344). Den Wochentagsnamen führt Meyers Konversations-Lexikon 1887 auf Frigg zurück, „nicht, wie man vielfach annahm, von Freyja“; beide Annahmen stehen dort in einem Satz. Eine weitergehende Namensdeutung ist im geprüften Bestand nicht belegt.

Fensalir: Friggs Halle in der Überlieferung

Die Seitenform lautet Fensalir, die Ausgabenschreibung „Fensal“; Fensalir ist die altnordische Form. Die Hauptfundstelle nennt Rang und Wohnort zusammen. Das Register der Ausgabe führt ihn dreimal: „Fensal 8. 270. 286.“ Im Lied beklagt Frigg „in Fensal dort Walhalls Verlust“. In der Erzählung ist Fensal Handlungsort: „Da ging er zu Frigg nach Fensal“.

„Da fragte Gangleri: Welches sind die Asinnen? Har antwortete: Frigg ist die vornehmste: Ihr gehört der Pallast, der Fensal heißt, und überaus schön ist.“

Wo das steht: Gylfaginnîng Kap. 35, Simrock 1876, S. 270.

Vorauswissen: was die Ausgabe belegt und was sie offen lässt

Vorauswissen belegt Gylfaginnîng 20 zweimal auf einer Seite. Die Prosa sagt, Frigg „weiß aller Menschen Geschick, obgleich sie es Keinem vorhersagt“; die beigegebene Strophe schreibt Snorri Odhin zu: „Wohl weiß Frigg Alles was sich begiebt, Ob sie schon es nicht sagt.“ Dieselbe Strophe trägt im Ögisdrecka die Sprecherüberschrift „Freyja.“ Die Seite entscheidet nicht zwischen beiden. Das Wort Vorauswissen kommt in der Leitausgabe nirgends vor: belegt ist die Sache, nicht das Wort.

Asgard: Friggs Geschlecht und ihr Handlungsraum

Friggs Asengeschlecht bewohnte „das alte Asgard“; der Ortsname steht im Einführungssatz. Von dort aus fragt sie in der Gylfaginnîng, wer den Helweg reiten wolle, damit Hel „Baldurn heimfahren ließe gen Asgard“. Dass ihre Halle in Asgard liege, steht nur im Lexikon (Meyers, Bd. 6, 1887, S. 736), nicht in der Edda-Prosa.

Was Frigg selbst tut: Erlaubnis, heimlicher Rat, Botengänge

Frigg sitzend mit zwei Dienerinnen, historische Buchillustration von Carl Emil Doepler; die eine vermutlich Fulla mit dem Schmuckkästchen, die andere die Botin Gna mit Speer, im Hintergrund ein Pferdeumriss.
Carl Emil Doepler, 1882, gemeinfrei. Frigg mit ihren Dienerinnen, vermutlich Fulla mit dem Schmuckkästchen und die Botin Gna; Blatt aus Wilhelm Wägner: Nordisch-germanische Götter und Helden, Otto Spamer, Leipzig und Berlin, 1882, S. 109.
  • Heimlicher Rat: Fulla „trägt Friggs Schmuckkästchen … und nimmt Theil an ihrem heimlichen Rath“.
  • Erlaubnis: Lofn hat „von Allvater oder Frigg Erlaubniss …, Männer und Frauen zu verbinden“.
  • Schutz und Botengang: Hlin ist „Solchen zum Schutz bestellt“, die Frigg behüten will; Gna schickt sie „nach allen Welttheilen“.

Verwandtschaft: Baldurs Mutter, Fiörgwins Tochter

Die Kenningliste nennt Frigg „Fiorgyns Tochter, Odhins Gemahlin, Baldurs Mutter …“; die Prosa schreibt „Fiörgwins Tochter“. Der belegte Bezug zu ihrem Sohn ist das Eide-Motiv; seine Seite führt Baldur, Friggs Sohn. In Kapitel 35 folgt unmittelbar Freyja, die Tochter Njörds: „Freyja ist die vornehmste nach Frigg“. Nanna und Odhur haben hier keine eigene Seite.

Frigg im Götterkreis der Überlieferung

Im Zug zu Baldurs Leichenbrand heißt es in der Gylfaginnîng: „zuerst ist Odhin zu nennen, und mit ihm fuhr Frigg und die Walküren“. Eigene Gestalten der Überlieferung sind die Nornen der Überlieferung; eine Verbindung zu Friggs Wissen behauptet die Ausgabe nicht. Den Zusammenhang ordnet die nordische Mythologie im Überblick ein.

Gemahlin Odins: was die Ausgabe zur Bindung sagt

Die Kenningliste fragt: „Wie ist Frigg zu bezeichnen? Als Fiorgyns Tochter, Odhins Gemahlin, Baldurs Mutter … des Falkenhemdes und Fensals Herrin“. Die Bindung ist dort eines von zehn Merkmalen. Die Gylfaginnîng nennt sie zweimal: „Seine Hausfrau heißt Frigg, Fiörgwins Tochter“, „Seine Frau ist Frigg“. Im Vafthrûdhnismâl rät Frigg von der Fahrt ab und entlässt Odin, ihr Gemahl in der Überlieferung dennoch. Ihre eigenen Zuständigkeiten stehen weiter oben.

Wo das steht: Werk, Kapitel und Seitenzahl

Seite 255 der Edda-Ausgabe von Karl Simrock (1876), Ende von Gylfaginnîng Kapitel 9, mit dem Satz über Frigg als Fiörgwins Tochter und Odhins Hausfrau.
Karl Simrock, 1876, gemeinfrei. Seite 255 aus Karl Simrocks Übersetzung Die Edda, 6. Auflage, Stuttgart 1876, Scan von Google Books über Wikimedia Commons; die Seite deckt die erste Zeile der folgenden Tabelle, Herkunft nach Gylfaginnîng Kapitel 9.
AussageWerkKapitel/StropheSeite
HerkunftGylfaginnîngKap. 9Simrock 1876, S. 255
Bindung und WissenGylfaginnîngKap. 20S. 262
Rang und FensalGylfaginnîngKap. 35S. 270
Fensal im LiedVöluspâStr. 37S. 8
Fensal als HandlungsortGylfaginnîngKap. 49S. 286/287
Eide für BaldurGylfaginnîngKap. 49S. 286
Eide im LiedVegtamskvidhaStr. 4S. 34, eingeklammert
Zweite SprecherangabeÖgisdreckaStr. 29S. 76
Eigene ZuständigkeitenGylfaginnîngKap. 35S. 270/271
Hlidskialf in AsgardGylfaginnîngKap. 9S. 254
Frigg rät Odin von der Fahrt abVafthrûdhnismâlStr. 1 bis 4S. 21
Register nennt Frigg und Freyja gemeinsam nur an sechs StellenRegister—S. 468
Odhin und Frigg auf Hlidskialf überschauen die WeltGrimnismâlProsa-EinleitungS. 12
Mistelzweig als einzige Ausnahme von Friggs EidenGylfaginnîngKap. 49S. 287
Wochentagsname auf Frigg zurückgeführt, nicht auf FreyjaMeyers Konversations-Lexikon4. Auflage, Bd. 6S. 659
Register führt „Fensal“ an drei Stellen (S. 8, 270, 286)Register—S. 468
Frigg lässt fragen, ob Hel Baldur heimfahren lässt gen AsgardGylfaginnîngKap. 49S. 287
Frigg und die Walküren beim Zug zu Baldurs LeichenbrandGylfaginnîngKap. 49S. 288
Kenningliste nennt Frigg u. a. Fensals HerrinKenningliste—S. 344
Nachleben-Zitate: Orion-Gürtel, Frea, Frîa, Frû FreckeMeyers Konversations-Lexikon4. Auflage, Bd. 6S. 736
Frigg werde vielfach mit Freyja vermengtMeyers Konversations-Lexikon4. Auflage, Bd. 6S. 736
Frigg und Freyja nebeneinanderOddrûnargrâtrStr. 10S. 217

Die Ausgabe schreibt „Östlich von Walhall“ (S. 287, ebenso Anmerkung S. 410); der altnordische Wortlaut sagt westlich. Die Ausgaben zeigt Ausgaben und Übersetzungen der Edda im Überblick.

Zur Schreibung: Namensformen folgen dem Register, die Ausgabenschreibung steht an der Zitatstelle. Fensalir steht gegen „Fensal“, der Vatersname dreifach. Vorauswissen kommt in der Ausgabe nirgends vor; der Begriff gehört dieser Seite. Asgard und Mistelzweig stehen dort wörtlich.

Was das heute bedeutet: Spuren in Namen, Sage und Sternbild

Was hier steht, ist Nachleben und Deutung, nicht der überlieferte Mythos. Meyers Konversations-Lexikon hält 1887 fest, „der Gürtel des Orion heißt in Schweden ‚Friggs Spinnrocken'“; in Deutschland erscheine die Gestalt „zunächst unter dem Namen Frea in der Langobardensage bei Paulus Diaconus“, „Frîa heißt sie in den ‚Merseburger Sprüchen'“, „als Frû Frecke trat sie noch lange in Niedersachsen“ auf. Das sind Aussagen des 19. Jahrhunderts.

Nicht zu verwechseln mit Freyja: was die Ausgaben trennen

Nicht zu verwechseln mit Freyja: Dass beide vermengt werden, ist selbst belegt. Meyers Konversations-Lexikon schreibt 1887, Frigg werde „vielfach mit Freyja (s. d.) vermengt“ und gehe „in diese über“. Der Artikel ist Zweitbeleg; seinen Zusatz „Tochter der Riesin Fiorgyn“ deckt die Leitausgabe nicht. Eine eigene Abgrenzungs-Seite gibt es nicht; die Unterscheidung steht deshalb hier. Die Ausgabe selbst hält beide meist getrennt.

Fünf Achsen aus der Frigg-Perspektive

AchseFrigg (mit Fundstelle)Freyja (mit Fundstelle)
Herkunftsgeschlecht„Fiörgwins Tochter“, Asengeschlecht (Gylfaginnîng 9, S. 255)Njörds Tochter, als Geisel zu den Asen (Kap. 23/24, S. 264/265)
Stellung und Bindung„Frigg ist die vornehmste“ (Kap. 35, S. 270)„die vornehmste nach Frigg“, vermählt mit Odhur (ebenda)
Wohnort und HalleFensal (Kap. 35, S. 270; Völuspâ 37, S. 8)Folkwang mit dem Saal Sessrumnir (Kap. 24, S. 265)
ZuständigkeitenWissen um aller Menschen Geschick, zweifach belegt (Kap. 20, S. 262; Ögisdrecka 29, S. 76); Gefallenenanteil nicht belegtHälfte der Gefallenen, Katzengespann (Kap. 24, S. 265), „Brisinga Men“ (Kap. 35, S. 270); solches Wissen nicht belegt
QuellenlageKenningliste ohne gemeinsames Merkmal außer der Gattung „Asinnen“ (Erläuterungen, S. 344)zweite Kenningliste, gleiche Ziffer, deshalb Zitat nach Seite (ebenda)

Das Falkenhemd: ein Widerspruch, der offen bleibt

Das Falkenhemd gehört in derselben Ausgabe zwei Gestalten; der Widerspruch wird hier nicht entschieden. Frigg: Loki flog „mit Friggs Falkenhemde“ aus („Aus der Skalda“, S. 304); die Kenningliste nennt sie „des Falkenhemdes und Fensals Herrin“. Freyja: Loki erbittet „ihr Falkengewand“ (Bragarœdhur, S. 297). Auch der altnordische Wortlaut trägt beides: „valshams“ bei Freyja, „valsham Friggjar“ bei Frigg. Die Quellen führen beide nebeneinander: Oddrûnargrâtr Str. 10 ruft „Frigg und Freyja“ in einer Zeile an, Gylfaginnîng 49 zeigt sie mit eigenem Gefolge.

Leserfragen zu Frigg

Sind Frigg und Freya das Gleiche?

Nein: anderes Geschlecht, anderer Gemahl: Freyjas Mann heißt Odhur. Einzelheiten im Abschnitt „Nicht zu verwechseln mit".

Belegt sind der Pallast Fensal und Fullas Schmuckkästchen; das Falkenhemd gehört dort einmal Frigg, einmal Freyja.

Die vornehmste der Asinnen, Fiörgwins Tochter aus dem Asengeschlecht.

Ja: „Seine Hausfrau heißt Frigg". Die Kenningliste führt zehn Merkmale auf.

Frigga ist die deutsche Nebenform, Leitform ist Frigg; eine Namensbedeutung belegen die geprüften gemeinfreien Quellen nicht.

Quellen und Ausgaben

  • Karl Joseph Simrock (Übersetzer, 1802-1876), Die Edda, 6. Auflage, Stuttgart 1876; gemeinfrei, Leitausgabe.
  • Snorri Sturluson, Verfasser der Snorra-Edda, in der oben genannten Ausgabe.
  • Ältere Edda: Völuspâ, Grimnismâl, Vafthrûdhnismâl, Vegtamskvidha, Ögisdrecka, Oddrûnargrâtr.
  • Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Bd. 6, 1887, S. 659, 736; Zweitbeleg.
  • Altnordischer Wortlaut der Snorra Edda, ohne Übersetzer, Wortlaut-Gegenprobe.
  • Auswahlregel: nur gemeinfreie Ausgaben mit geprüftem Todesjahr des Übersetzers.