Ragnarök — der Untergang der Götter in der nordischen Mythologie
Der Mythos in Kürze
Der Mythos in Kürze: Ragnarök bezeichnet den Untergang der Götter in der nordischen Überlieferung, das Ereignis, in dem die alte Götterwelt in Kampf und Feuer endet und eine neue, grüne Erde entsteht. Beteiligt sind Asen wie Odhin, Thor und Loki ebenso wie ihre Gegner Fenriswolf, Midgardschlange und Surtr, deren letzter Kampf den Ausgang bestimmt.
Steckbrief Ragnarök: Definition, Rolle im Weltbild und Quellen
Diese Karteikarte fasst Ereignis-Typ, Rolle im Weltbild, beteiligte Gestalten und Hauptquellen von Ragnarök kompakt zusammen.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Definition | Weltuntergangsereignis (Eschatologie) der nordischen Mythologie |
| Rolle im Weltbild | Ende der alten Götterwelt der Asen, Übergang zu einer neuen, grün aus dem Meer auftauchenden Erde |
| Beteiligte Gestalten (fallen) | Odhin, Thor, Freyr, Tyr, Loki, Heimdall |
| Beteiligte Gestalten (überleben, kehren zurück) | Vidar, Wali, Baldur und Hödur |
| Gegner | Fenrir (gegen Odhin), Jörmungandr (gegen Thor), Surtr (gegen Freyr), der Hund Garm (gegen Tyr) |
| Schauplatz | unter anderem Walhall, Sitz der Asen |
| Vorzeichen | der Fimbulwinter |
| Hauptquellen | Völuspá und Gylfaginning (Snorra-Edda), deutsch von Karl Simrock, 6. Auflage 1876 |
Der Mythos in der Erzählung
Was die Überlieferung von den letzten Tagen der Götter erzählt, folgt einem fest gefügten Ablauf aus Vorzeichen, Kampf und Neuanfang.
Der Untergang kündigt sich lange vorher an. Drei Winter folgen ohne einen Sommer dazwischen aufeinander: Schnee stiebt von allen Seiten herein, der Frost wächst, die Winde werden scharf, und die Sonne verliert ihre Kraft. Die Überlieferung nennt diese Zeit den Fimbulwinter, den großen Winter vor dem Ende der alten Götterwelt. Die Vorzeichen kündigen an, dass die alte Ordnung der Asen ihrem Ende entgegengeht.
Dann brechen die letzten Kämpfe der Asen aus. Odhin stellt sich dem Fenriswolf entgegen und wird von ihm verschlungen. Thor ringt mit der Midgardschlange, die auch Jörmungandr genannt wird; beide sterben im gegenseitigen Kampf. Freyr unterliegt Surtr, Tyr und der Hund Garm fallen gemeinsam, und Loki und Heimdall erschlagen sich in ihrem letzten Streit gegenseitig. Mehrere dieser Kämpfe enden für beide Seiten tödlich.
Über dem Schlachtfeld erhebt sich Surtr mit flammendem Schwert aus dem Süden; in seiner Klinge spiegelt sich der letzte Glanz der untergehenden Götter. Mit ihm kommt der Weltenbrand: Feuer erfasst die neun Welten, bis von der alten Ordnung nichts übrig bleibt.
Vidar, Odhins Sohn, bleibt in diesem Ringen nicht untätig: Er tritt dem Fenriswolf entgegen, tötet ihn und rächt damit seinen Vater. Mit Vidar überlebt auch Wali den Untergang.
Nach dem Weltenbrand taucht eine neue Erde grün aus dem Meer auf, mit ungesätem Korn auf ihren Feldern. In dieser Erneuerung liegt die Wiederkehr Baldurs: Gemeinsam mit Hödur kehrt er aus Hels Reich zurück, und was zuvor unter den Göttern zerbrach, findet dort seinen Frieden (Gylfaginning Kap. 51-53, Völuspá Str. 47-60).
Ein Ausschnitt aus der Völuspá zeigt, wie die Ältere Edda den Auftritt Surtrs unmittelbar vor dem Weltenbrand schildert.
„Surtur fährt von Süden mit flammendem Schwert, Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter.“ (Völuspá, Ältere Edda, deutsch von Karl Simrock, 6. Auflage 1876, Strophe 51.)
Namensherkunft: ragnarök und die Nebenform ragnarøkkr
Der altnordische Name ragnarök setzt sich aus zwei Teilen zusammen: ragna, dem Genitiv Plural von regin (die Götter), und rök (Schicksal, Ausgang). Wörtlich bedeutet das Wort also Schicksal beziehungsweise Ausgang der Götter.
Daneben besteht eine ältere Nebenform, ragnarøkkr, die Dämmerung der Götter bedeutet. Sie gilt in der Forschung überwiegend als spätere Umdeutung, die nach dem Lautzusammenfall zweier altisländischer Laute (ǫ und ø) nach etwa 1200 entstand. Aus dieser røkkr-Lesart stammt die im Deutschen gebräuchliche Lehnübersetzung Götterdämmerung, die neben dem altnordischen Ragnarök bis heute geläufig ist. Allgemeine Übersichten begnügen sich meist mit einer der beiden Formen; die Doppelform selbst gehört zur philologischen Fachliteratur.
Attribute und Ereignis-Elemente: Fimbulwinter, Surtr und Vidar
Drei Ereignis-Elemente prägen die Überlieferung des Untergangs besonders deutlich.
- Fimbulwinter: das namentlich überlieferte Vorzeichen des Untergangs. Laut Gylfaginning kommt dieser Winter „dreie nacheinander“, ohne dass ein Sommer dazwischentritt; Schnee stiebt von allen Seiten, der Frost wächst, und die Sonne verliert ihre Kraft. Erst danach beginnen die eigentlichen Kämpfe.
- Surtr: der Feuerriese des letzten Kampfes. Er zieht aus dem Süden heran und bringt mit seinem flammenden Schwert den Weltenbrand, der die neun Welten erfasst. Sein Auftritt gehört zu den zentralen Bildern der Untergangs-Erzählung, belegt sowohl in der Völuspá als auch in der Gylfaginning.
- Vidar: Überlebender und Rächer. Er tötet den Fenriswolf und rächt damit seinen Vater Odhin; gemeinsam mit Wali gehört er zu denen, die den Untergang überstehen. Mit seinem Handeln endet der Kreislauf aus Kampf und Verlust nicht ohne Gegengewicht.
Verwandtschaft und Beteiligte: Fenrir, Loki, Jörmungandr, Baldur und Bifröst
Sechs Gestalten aus dem Register dieser Seite sind unmittelbar mit dem Geschehen von Ragnarök verbunden.
- Fenrir: der Wolf, Gegner Odhins im letzten Kampf, am Ende von Vidar getötet. Mehr dazu: Fenrir, der Wolf.
- Loki: Gegner Heimdalls; beide erschlagen sich beim Untergang gegenseitig. Mehr dazu: Loki, Gegner Heimdalls.
- Jörmungandr, die Midgardschlange: Gegnerin Thors, mit der sie im gemeinsamen Kampf stirbt. Mehr dazu: Jörmungandr, die Midgardschlange.
- Baldur: kehrt nach dem Untergang gemeinsam mit Hödur aus Hels Reich zurück. Mehr dazu: Baldur (nordische Mythologie).
- Bifröst: die Regenbogenbrücke, Schauplatz des letzten Kampfes. Mehr dazu: Bifröst, die Regenbogenbrücke.
- Walhall: Sitz der Asen, dessen Untergang untrennbar zum Geschehen von Ragnarök gehört.
Eine Übersicht aller Gestalten und Schauplätze der Götterwelt bietet die Übersichtsseite zur nordischen Mythologie, der Ausgangspunkt dieses Kokons.
Wo das steht: Ausgabe, Übersetzer und Fundstelle je Behauptung
Ausgangspunkte der Fundstellen dieser Seite sind die Völuspá und, als zweiter Beleg, Snorri Sturlusons Gylfaginning. Der Begriff Fimbulwinter steht nicht wörtlich in der Völuspá: Simrocks Übersetzung umschreibt die Vorzeichen dort nur mit „Beilalter, Schwertalter … Windzeit, Wolfszeit“, während das Wort erst in der Gylfaginning erscheint (Völuspá Str. 45-46 gegenüber Gylfaginning Kap. 51). Ebenso schreibt Simrocks Original historisch „Surtur“ und „Widar“ statt der heute gebräuchlichen Formen „Surtr“ und „Vidar“, die diese Seite außerhalb wörtlicher Zitate verwendet (Gylfaginning Kap. 51).
| Aussage | Werk | Ausgabe und Übersetzer | Kapitel bzw. Strophe |
|---|---|---|---|
| Der Fimbulwinter, wörtliches Zitat | Gylfaginning | Simrock 1876 | Kap. 51 |
| Die fünf Kampfzuordnungen des letzten Gefechts | Gylfaginning | Simrock 1876 | Kap. 51 |
| Vidar rächt Odhin, tötet den Fenriswolf | Gylfaginning und Völuspá | Simrock 1876 | Kap. 51 / Str. 54 |
| Surtrs Auftritt, der Weltenbrand | Völuspá und Gylfaginning | Simrock 1876 | Str. 51 / Kap. 51-52 |
| Überlebende, grüne Erde, Baldurs Rückkehr | Gylfaginning und Völuspá | Simrock 1876 | Kap. 53 / Str. 60 |
| Negativbefund: „Fimbulwinter“ fehlt in der Völuspá | Völuspá und Gylfaginning | Simrock 1876 | Str. 45-46 / Kap. 51 |
| Schreibweise: „Surtur“/„Widar“ bei Simrock, „Surtr“/„Vidar“ auf dieser Seite | Gylfaginning | Simrock 1876 | Kap. 51 |
| Etymologie ragnarök/ragnarøkkr | sprachwissenschaftliche Fachliteratur (Geir T. Zoëga) | entfällt | ohne Kapitel/Strophe |
Weitere Angaben liefert die Edda-Quellen-Seite.
Was das heute bedeutet
Was hier folgt, ist Rezeption und Deutung, nicht der überlieferte Mythos selbst.
Unter dem Titel „Ragnarok“ erzählt eine norwegische Netflix-Produktion in drei Staffeln (2020, 2021, 2023) eine moderne Geschichte, die in der fiktiven Stadt Edda spielt. Die Serie leiht sich Name und einzelne Grundmotive der Überlieferung, ohne den Ablauf der Vorlage wortgetreu wiederzugeben; Handlung, Figurenkonstellationen und Schauplätze der Serie unterscheiden sich deutlich von den Fundstellen, die diese Seite in den Abschnitten zuvor belegt hat. Wer speziell die Serie sucht, findet hier den Hinweis, ohne dass Mythos und Neuinterpretation vermischt werden.
Nicht zu verwechseln mit: Ragnarök als Gesamtgeschehen und einzelne Teilkämpfe
Ragnarök bezeichnet das gesamte Untergangsgeschehen der nordischen Mythologie, nicht einen einzelnen Kampf daraus. Der Kampf zwischen Odhin und dem Fenriswolf und der Kampf zwischen Thor und der Midgardschlange sind Teilereignisse innerhalb dieses größeren Ablaufs; beide Gestalten, Fenrir und Jörmungandr, tragen jeweils eine eigene, ausführlichere Seite zu ihrer Herkunft und ihrem Wirken außerhalb des Untergangs. Wer gezielt nach einem dieser Teilkämpfe sucht, findet die vollständige Einordnung auf den jeweiligen Figurenseiten, die bereits im Abschnitt „Verwandtschaft und Beteiligte“ verlinkt sind.
Leserfragen zu Ragnarök
Was bedeutet Ragnarök?
Ragnarök ist der Weltuntergang der nordischen Mythologie: das Ende der alten Götterwelt und der Übergang zu einer neuen, grünen Erde.
Welche Gestalten kämpfen beim Ragnarök gegeneinander?
Laut Gylfaginning kämpft Odhin gegen den Fenriswolf, Thor gegen die Midgardschlange, Freyr gegen Surtr, Tyr gegen den Hund Garm und Loki gegen Heimdall.
Überlebt beim Ragnarök jemand?
Ja: Vidar und Wali überleben, Baldur und Hödur kehren aus Hels Reich zurück, und die Erde taucht grün aus dem Meer auf.
Was ist der Fimbulwinter?
Ein dreijähriger, sommerloser Winter als Vorzeichen des Untergangs, benannt in der Gylfaginning; die Völuspá selbst umschreibt ihn nur, ohne das Wort zu nennen.
Quellen und Ausgaben
Diese Seite stützt sich auf zwei benannte Ausgangspunkte in gemeinfreier deutscher Übersetzung.
- Karl Simrock: *Die Edda, die ältere und jüngere, nebst den mythischen Erzählungen der Skalda*. 6. verbesserte Auflage, Stuttgart 1876. Grundlage aller wörtlichen Zitate und Fundstellen dieser Seite.
- Snorri Sturluson: Verfasser der Gylfaginning (Snorra-Edda), zitiert nach der obigen Simrock-Übersetzung.
- Methodik: Zitiert werden ausschließlich Wikisource-Digitalisate der Simrock-Ausgabe von 1876; moderne kritische Editionen, die unter § 70 UrhG Leistungsschutz genießen könnten, werden nicht verwendet. Diese Angaben zur Gemeinfreiheit sind eine redaktionelle Einordnung nach bestem Wissen und keine Rechtsberatung.