Yggdrasil: Weltenesche und Weltenbaum der nordischen Mythologie
Der Mythos in Kürze: Was Yggdrasil ist
Yggdrasil ist die Weltenesche der nordischen Mythologie: ein gewaltiger, immergrüner Baum, dessen drei Wurzeln und weit ausgreifende Äste alle neun Welten miteinander verbinden. Wo das steht: Snorri Sturluson beschreibt ihn in der Gylfaginning, Kap. 15–16 der Prosa-Edda, in der Übersetzung von Karl Simrock; die Fundstellen-Übersicht dieser Seite und die Edda-Quellen-Seite führen Ausgabe und Übersetzer im Detail.
Yggdrasil im Steckbrief: Definition, Struktur, Rolle, Bewohner und Verwandtschaft
Diese Karteikarte fasst Mythologie, Struktur, Bewohner und Verwandtschaft von Yggdrasil zusammen.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Mythologie | Nordische Überlieferung der Wikingerzeit, niedergeschrieben von Snorri Sturluson in der Prosa-Edda |
| Gattung/Typ | Weltenesche, die zentrale Baum-Gestalt der nordischen Kosmologie |
| Definition | Ein riesiger Baum, dessen drei Wurzeln in unterschiedliche Bereiche reichen und dessen Krone sich über den Himmel spannt |
| Struktur | Drei Wurzeln mit den Brunnen Hwergelmir, Mimirs Brunnen und Urðarbrunnr, dazu Äste, die sich über alle Welten erstrecken |
| Funktion | Verbindet die neun Welten miteinander |
| Bewohner | Ein Adler mit dem Habicht Wedrfölnir zwischen den Augen, das Eichhörnchen Ratatoskr, der Wurm Níðhöggr, vier Hirsche |
| Verwandtschaft | Neun Welten, Nornen, Odin, Ragnarök |
| Hauptquelle | Karl Simrock, Die Edda, 6. Auflage, Stuttgart 1876 |
Der Mythos: Die Weltenesche, ihre Wurzeln und Odins Selbstopfer
In der Überlieferung ist Yggdrasil kein gewöhnlicher Baum, sondern der größte und beste von allen: Seine Zweige breiten sich über die gesamte Welt aus und reichen hinauf bis über den Himmel, während drei mächtige Wurzeln ihn aufrecht halten und sich weit in verschiedene Richtungen ausdehnen — die eine zu den Asen, die andere zu den Hrimthursen, die dritte über Niflheim. Am Fuß der Wurzeln liegen drei Brunnen, aus denen der Baum Wasser und Weisheit zieht. Auf diese Weise spannt der Baum die neun Welten zu einem einzigen, zusammenhängenden Gebilde: Wurzeln und Äste durchziehen jede von ihnen und halten sie sichtbar miteinander verbunden.
Zur Überlieferung gehört auch das Selbstopfer Odins an diesem Baum. Um die Runen zu erlangen, hängt er der Erzählung nach am windigen Baum, verwundet vom Speer, sich selbst dargebracht, neun lange Nächte lang, ohne dass jemand erkennen kann, aus welcher Wurzel dieser Baum entsprungen ist. Was die Runen bedeuten und wie ihr Gebrauch heute rechtlich einzuordnen ist, erklärt die Seite Runen: Bedeutung und Herkunft im Detail.
„Diese Esche ist der gröste und beste von allen Bäumen: seine Zweige breiten sich über die ganze Welt und reichen hinauf über den Himmel. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht, die sich weit ausdehnen: die eine zu den Asen, die andere zu den Hrimthursen, wo vormals Ginnungagap war; die dritte steht über Niflheim.“
Quelle: Snorri Sturluson, Gylfaginning, Kap. 15, Übersetzung Karl Simrock, 1876.
„Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum / Neun lange Nächte, / Vom Sper verwundet, dem Odhin geweiht, / Mir selber ich selbst, / Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann / Aus welcher Wurzel er sproß.“
Quelle: Hávamál (Odhins Runenlied), Str. 139, Übersetzung Karl Simrock, 1876.

Namensherkunft: Yggdrasil zwischen Odins Pferd und Mittelbaum
Der Name Yggdrasil selbst lässt sich nur begrenzt sicher deuten. Ein gemeinfreies Lexikon verweist zur Namensdeutung auf die zusammenfassende Lesart „Odin’s horse, Y.“, also Yggdrasil als das Pferd Odins, ohne die Deutung im Detail in einzelne Wortbestandteile zu zerlegen. Eine wortweise Zerlegung des Namens in einzelne altnordische Bestandteile nennt diese Seite nicht, weil sie in den geprüften gemeinfreien Quellen nicht so belegt ist. Neben dieser Deutung trägt der Baum in einem weiteren gemeinfreien Lexikonartikel den zusätzlichen altnordischen Beinamen „Miotvidr“, übersetzt als „Mittelbaum“, ein Name, der bei den anderen hier verwendeten Quellen nicht auftaucht und die Bezeichnungsvielfalt innerhalb der nordischen Überlieferung selbst zeigt.
Attribute und Symbole: Wurzeln, Brunnen und die Tiere des Baumes
Der Baum trägt eine Reihe fester struktureller Merkmale, die ihn von einem gewöhnlichen Baum unterscheiden:
- Drei Wurzeln mit ihren Brunnen: Unter der einen Wurzel, bei den Asen, liegt der heilige Urðarbrunnr, an dem die Götter ihre Gerichtsstätte halten und die Nornen wohnen; unter der zweiten, bei den Hrimthursen, liegt Mimirs Brunnen, dessen Eigner Mimir täglich aus dem Giallarhorn von diesem Brunnen trinkt; unter der dritten, über Niflheim, liegt Hwergelmir.
- Ratatoskr: Das Eichhörnchen läuft ständig an der Esche auf und ab und trägt Zankworte zwischen dem Adler in der Krone und dem Wurm an den Wurzeln hin und her.
- Níðhöggr: Der Wurm nagt an den Wurzeln des Baumes, unterhalb von Hwergelmir.
- Ein Adler mit dem Habicht Wedrfölnir zwischen den Augen sitzt in den Zweigen der Esche, dazu vier Hirsche, die zwischen den Ästen weiden.
Verwandtschaft und Bezüge: Neun Welten, Nornen, Odin und Ragnarök
Yggdrasil verbindet die neun Welten der nordischen Mythologie und steht über mehrere Figuren und Ereignisse in enger Beziehung zur übrigen Überlieferung dieses Kokons, von den Wächterinnen des Schicksals bis zum Ende der Götterwelt:
- Die neun Welten sind das, was der Baum verbindet: Wurzeln und Äste durchziehen sie alle, ohne mit ihnen gleichgesetzt zu werden — der Baum verbindet die Welten, er ist sie nicht.
- Die Nornen wohnen am Urðarbrunnr, einem der drei Brunnen an den Wurzeln der Esche, und bewässern von dort täglich den Baum, damit seine Zweige nicht dorren oder verfaulen.
- Odin ist über sein Selbstopfer an diesem Baum mit Yggdrasil verbunden, wie es der Abschnitt „Der Mythos“ dieser Seite bereits mit eigener Fundstelle beschreibt.
- Ragnarök berührt auch das Schicksal des Baumes: Die Überlieferung spricht von einer Endzeit, ohne dass diese Seite das Thema dramatisierend ausschmückt.
- Einen Überblick bietet die Seite Übersicht nordische Mythologie.
Wo das steht: Ausgabe, Übersetzer und Kapitel
Jede Mythos-Aussage dieser Seite trägt eine eigene Fundstelle mit Ausgabe, Übersetzer und Kapitel beziehungsweise Strophe; die folgende Tabelle listet sie vollständig.
| Aussage | Werk | Ausgabe und Übersetzer | Kapitel bzw. Strophe |
|---|---|---|---|
| Baumgröße und Ausdehnung über Welt und Himmel | Gylfaginning (Snorra-Edda) | Karl Simrock, Die Edda, 1876 | Kap. 15 |
| Drei Wurzeln: Asen, Hrimthursen, Niflheim | Gylfaginning | Simrock, 1876 | Kap. 15 |
| Hwergelmir und Níðhöggr unter der dritten Wurzel | Gylfaginning | Simrock, 1876 | Kap. 15 |
| Mimirs Brunnen unter der zweiten Wurzel | Gylfaginning | Simrock, 1876 | Kap. 15 |
| Urðarbrunnr, Gerichtsstätte der Götter, Wohnort der Nornen | Gylfaginning | Simrock, 1876 | Kap. 15/16 |
| Adler mit Habicht Wedrfölnir, Ratatoskr, vier Hirsche | Gylfaginning | Simrock, 1876 | Kap. 16 |
| Tägliche Bewässerung der Esche durch die Nornen | Gylfaginning | Simrock, 1876 | Kap. 16 |
| Odins Selbstopfer, Hängen am „windigen Baum“ | Hávamál (Odhins Runenlied) | Karl Simrock, Die Edda, 1876 | Str. 139 |
| Definition der Weltesche; Wurzel-Vergleich weicht bei der ersten Wurzel von Simrock ab (Meyers: „Menschen“, Simrock: „die Asen“) | Meyers Großes Konversations-Lexikon | Bd. 20, Leipzig 1909 | S. 817 |
| Zusätzlicher Beiname „Miotvidr“, „Mittelbaum“ | Pierer’s Universal-Lexikon | Bd. 19, Altenburg 1865 | S. 468 |
| Zitierfähigkeit der Simrock-Übersetzung: gemeinfrei seit 31.12.1946 nach §64 UrhG | §64 UrhG / §70 UrhG | gesetze-im-internet.de; deutsche-biographie.de | ohne Kapitelangabe |
Eine vollständige Übersicht über die verwendeten Editionen führt die Seite Edda-Quellen.
Zwei methodische Hinweise zur Genauigkeit: Simrock 1876 schreibt „Urds Brunnen“, „Ratatöskr“ und „Nidhöggr“ (Kap. 15–16); diese Seite verwendet stattdessen die heute gebräuchliche altnordische Normalform mit Diakritika, also Urðarbrunnr, Ratatoskr und Níðhöggr, für dieselben Brunnen und Wesen. Zudem bleiben zwei Fundstellen bewusst getrennt: Die Hávamál-Strophe 139 nennt den Baum nur als „windigen Baum“, nicht namentlich als Yggdrasil (Simrock 1876); die Gylfaginning, Kap. 15–16, enthält keine Runen-Erwähnung. Die Identifikation beider Stellen mit Yggdrasil beziehungsweise mit dem Selbstopfer-Motiv ist eine tradierte Deutung, kein wörtlicher Text-Befund.
Was das heute bedeutet
Diese Seite trennt bewusst, was die Quelle sagt, von dem, was die Gegenwart aus dem Stoff macht. Ein belegtes Beispiel moderner Rezeption ist das Videospiel God of War (2018, Santa Monica Studio), das Yggdrasil beziehungsweise den Weltenbaum als zentrales Gestaltungselement seiner Spielwelt verwendet, ohne diese Deutung mit der Überlieferung selbst zu vermischen.
Nicht zu verwechseln mit: Yggdrasil und der allgemeine Weltenbaum
Yggdrasil ist die spezifisch nordische Weltenesche; „Weltenbaum“ dagegen bezeichnet ein allgemeineres Motiv, das auch außerhalb der nordischen Mythologie vorkommt und einen Baum oder eine baumartige Achse beschreibt, die verschiedene Bereiche der Welt verbindet. Innerhalb der nordischen Überlieferung selbst zeigt sich diese Bezeichnungsvielfalt bereits: Ein gemeinfreies Lexikon nennt für denselben Baum den zusätzlichen Beinamen „Miotvidr“, übersetzt als „Mittelbaum“, neben dem geläufigeren Namen Yggdrasil. Andere Mythologien kennen eigene Weltenbaum-Vorstellungen mit jeweils eigenen Namen und Einzelheiten, die diese Seite nicht im Detail referiert; sie beschränkt sich auf die begriffliche Abgrenzung. Diese Seite behandelt ausschließlich die nordische Weltenesche mit ihren belegten Wurzeln, Brunnen und Bewohnern; ein Vergleich mit Weltenbaum-Motiven anderer Mythologien wird hier nicht ausgebreitet, weil er über die geprüften Quellen dieser Seite hinausginge.
Leserfragen zu Yggdrasil
Welche Bedeutung hat der Lebensbaum?
Yggdrasil ist die Weltenesche der nordischen Mythologie: ein riesiger Baum, dessen Wurzeln und Äste die neun Welten miteinander verbinden. Die Hauptquelle dafür ist die Gylfaginning, Kap. 15 der Prosa-Edda, in der Übersetzung von Karl Simrock.
Warum hing Odin an Yggdrasil?
Der Überlieferung nach hängt Odin für sein Selbstopfer am Baum, um die Runen zu erlangen. Laut Hávamál Str. 139 hängt er „am windigen Baum“; der Baum selbst wird dort nicht namentlich als Yggdrasil benannt, die Identifikation ist eine tradierte Deutung.
Wie heißt der heilige Baum der Germanen?
Er heißt Yggdrasil, die Weltenesche. Hauptquelle ist die Gylfaginning der Snorra-Edda, Kap. 15–16, in der Übersetzung von Karl Simrock von 1876.
Für was steht der Weltenbaum?
Er steht für die kosmische Struktur, die alle neun Welten miteinander verbindet. Yggdrasil ist dabei die spezifisch nordische Ausprägung dieses Motivs, siehe Abschnitt „Nicht zu verwechseln mit“.
Quellen und Ausgaben
Zitiert werden auf dieser Seite ausschließlich gemeinfreie Ausgaben; vor jeder Zitierung einer Übersetzung wird geprüft, ob § 70 UrhG (wissenschaftliche Ausgabe) oder § 64 UrhG (eigenständige Übersetzerleistung) einschlägig ist. Diese Einordnung ist eine redaktionelle Prüfung des Urheberrechtsstatus der zitierten Ausgaben und keine Rechtsberatung.
- Karl Simrock, *Die Edda*, 6. Auflage, Stuttgart 1876, verwendete Ausgabe für Gylfaginning und Hávamál; Simrock ist seit dem 31.12.1946 gemeinfrei (§ 64 UrhG).
- Snorri Sturluson, isländischer Gelehrter und Verfasser der Gylfaginning (Snorra-Edda), hier zitiert nach der obigen Simrock-Übersetzung.
- Meyers Großes Konversations-Lexikon, Bd. 20, Leipzig 1909, S. 817, Artikel „Yggdrasill“.
- Pierer’s Universal-Lexikon, Bd. 19, Altenburg 1865, S. 468, Artikel „Yggdrasill“.