Freyja in der nordischen Mythologie: Njörds Tochter, Wanadis

Freyja steht mit Speer und Halsschmuck vor ihrem Wagen, zu ihren Füßen sitzen zwei Katzen; Buchillustration von 1888.
Johannes Gehrts, 1888, gemeinfrei. Freyja als stehende Gestalt mit Speer, Halsschmuck und Wagen; Illustration aus Felix Dahn: Walhall. Germanische Götter- und Heldensagen, Kreuznach: R. Voigtländer, 1888. Quelle: Internet Archive (walhallgermanisc1888dahn) über Wikimedia Commons.

Der Mythos in Kürze: Freyja, Njörds Tochter aus dem Geschlecht der Wanen

Freyja ist in der nordischen Mythologie die Tochter Njörds aus dem Geschlecht der Wanen; ihr gehört täglich die Hälfte der Gefallenen, die andere Hälfte Odhin. Die im Deutschen verbreitete Nebenform des Namens lautet Freya und bezeichnet dieselbe Gestalt.

Steckbrief Freyja: Definition, Rolle, Verwandtschaft und Quellen

MerkmalAngabe mit Fundstelle
Mythologienordische Mythologie; Geschlecht der Wanen (Gylfaginnîng 24, S. 265)
NameFreyja; Nebenform Freya
BeinamenWanadis, Mardöll, Hörn, Gefn, Syr (Gylfaginnîng 35, S. 270)
VerwandtschaftVater Njörd, Bruder Freyr (Gylfaginnîng 24); Gemahl Odhur, Tochter Hnoss (Kap. 35, S. 270)
WohnungFolkwang mit dem Saal Sessrumnir (Gylfaginnîng 24, S. 265)
AttributeHalsschmuck Brisinga Men (S. 270), Katzengespann (S. 265, 288)
Zuständigkeittäglich die Hälfte der Gefallenen (Grimnismâl 14, S. 14)
HauptquellenSimrock 1876; Meyers 1885-1890; Laing 1844

Der Mythos: Freyjas Zorn in der Thrymskvidha

Freyja auf ihrem Sitz, dahinter eine Gestalt mit dem ausgebreiteten Federgewand, rechts zwei Männer und drei Katzen; Strichzeichnung von 1895.
Lorenz Frølich, 1895, gemeinfrei. Freyja auf ihrem Sitz mit dem ausgebreiteten Federgewand, ihr gegenüber zwei Gestalten und drei Katzen; Blatt aus Karl Gjellerup: Den ældre Eddas Gudesange, 1895.

In der Thrymskvidha bittet Loki Freyja um ihr Federhemd. Als sie dem Riesen als Braut zugedacht wird, fährt sie auf: „Wild ward Freyja, sie fauchte vor Wuth, / Die ganze Halle der Götter erbebte; / Der schimmernde Halsschmuck schoß ihr zur Erde“. Am Ende fährt Thôr als verhüllte Braut, und ihm wird „das schöne, schimmernde Halsband“ angelegt.

Odhur zieht fort: Freyjas goldene Tränen

Von Freyjas Gemahl erzählt Gylfaginnîng 35 nur wenige Worte: „Odhur zog fort auf ferne Wege, und Freyja weint ihm nach und ihre Zähren sind rothes Gold.“ Ihre Tochter heißt Hnoss. Im Hyndluliod spricht Freyja mit der Riesin Hyndla: „Meinem Eber glühn die goldnen Borsten“. Ob der dort auftretende Ottar derselbe sei wie Odhur, bleibt in der Ausgabe offen.

Freyja steht auf ihrem zweirädrigen Wagen, vor den zwei Katzen gespannt sind, und schwingt die Peitsche; kolorierte Buchillustration von 1905.
Emil Doepler, 1905, gemeinfrei. Blatt aus Emil Doepler: Walhall, die Götterwelt der Germanen, Martin Oldenbourg, Berlin, um 1905; zu sehen ist die Fahrt mit dem Katzengespann.

Namensformen: Freyja, Freya und die Beinamen der Ausgabe

Die Leitform dieser Seite ist Freyja, die im Deutschen verbreitete Nebenform Freya. In der Gylfaginnîng steht zum Namen ein einziger Satz: von ihm habe „der Ehrenname den Ursprung, daß man vornehme Weiber Frauen nennt“. Die Ausgabe nennt weitere Namen: Wanadis, Mardöll, Hörn, Gefn und Syr. Ihr Bruder heißt Freyr; eine Ableitung aus der Namensähnlichkeit belegt die Ausgabe nicht.

Attribute und Merkmale: Halsschmuck, Katzengespann, Eber

  • Halsschmuck: In der Gylfaginnîng heißt es, Freyja besitze „den Halsschmuck, Brisinga Men genannt“ — die einzige Stelle des Haupttextes, dort als zwei Wörter; in den Anmerkungen steht „Brisingamens“. Diese Seite schreibt Brísingamen.
  • Katzengespann: In der Gylfaginnîng heißt es: „Wenn sie ausfährt, sind zwei Katzen vor ihren Wagen gespannt“; zweite Stelle Gylfaginnîng 49: „und Freyja fuhr mit ihren Katzen“.
  • Eber: Im Hyndluliod heißt es: „Meinem Eber glühn die goldnen Borsten“.

Folkwang und Sessrumnir: Freyjas Reich und ihre Halle

Freyjas Reich heißt in der Gylfaginnîng Folkwang: „Sie hat die Wohnung im Himmel, die Folkwang heißt“, und „Ihr Saal Sessrumnir ist groß und schön“. Sessrumnir ist damit die Halle in dem Reich, nicht dessen zweiter Name. Als Namensform führt diese Seite Fólkvangr; der Liedtext schreibt „Volkwang“, das Register „Folkwang“, die altnordische Form steht nirgends. Die Hälfte der Gefallenen wählt Freyja täglich, die andere hat Odhin.

„Volkwang ist die neunte: da hat Freyja Gewalt
Die Sitze zu ordnen im Saal.
Der Walstatt Hälfte wählt sie täglich;
Odhin hat die andre Hälfte.“

Karl Simrock (Übersetzer), Die Edda, Stuttgart 1876, Grimnismâl, Strophe 14, S. 14. Schreibung der Ausgabe unverändert.
Seite 14 der Edda-Ausgabe von 1876 in Fraktur; am Fuß der Seite steht die Strophe 14 des Grimnismâl über Volkwang und den Anteil an der Walstatt.
Karl Simrock, 1876, gemeinfrei. Seite 14 der Ausgabe mit der oben zitierten Strophe 14 des Grimnismâl; aus Karl Simrock: Die Edda, 6. Auflage, Stuttgart 1876, S. 14 (Scan: Google Books über Wikimedia Commons).

Seiðr in den Quellen: ein Negativbefund mit zweiter Ausgabe

Seiðr ist die Namensform dieser Seite; in der Leitausgabe fehlt das Wort, im Register ebenso. Ohne Freyja-Bezug beschrieben ist die Praxis zweimal: als Vorwurf gegen Odhin und als „Sudkunst“ der Seherin Heid (Völuspâ 26, S. 6). Freyja verbindet mit der Praxis nur eine geprüfte Stelle außerhalb der Edda: Ynglinga saga Kap. IV in The Heimskringla, London 1844, übersetzt von Samuel Laing, S. 219: „the magic art“. Simrock kennt die Saga, übersetzt sie aber nicht.

Verwandtschaft: Njörd, Freyr und die Herkunft von den Wanen

In der Gylfaginnîng heißt es: „Niörd in Noatun zeugte seitdem zwei Kinder. Der Sohn hieß Freyr und die Tochter Freyja“. Njörd wurde in Wanaheim erzogen und den Göttern als Geisel gegeben. Freyjas Wanen-Name steht in Gylfaginnîng 35: „Sie heißt auch Wanadis (Wanengöttin).“ Meyers zählt 1890 dieselben drei zu den Wanen, nennt den Gegensatz zu den Asen aber „nicht klar“ (Bd. 16, S. 382). Dieselbe Edda-Ausgabe führt Vater und Kinder zugleich unter den Asen: Freyja heißt dort „die herlichste der Asinnen“ (Kap. 24).

Bezüge im Götterkreis: Odin, die Walküren und Frigg

Die andere Hälfte der Walstatt hat Odhin, den diese Seite als Odin, der vornehmste der Asen führt. In der Gylfaginnîng heißt es, im Zug zu Baldurs Leichenbrand fahren in derselben Szene „Frigg und die Walküren“ und „Freyja mit ihren Katzen“; eigene Seiten haben die Walküren und die Göttin Frigg. Wie diese Gestalten zusammenhängen, zeigt der Überblick zur nordischen Mythologie.

Wo das steht: Ausgabe, Kapitel und Strophe

Alle Stellen nach Karl Simrock, Die Edda, Stuttgart 1876, sofern nicht anders angegeben.

MotivWerk oder LiedKapitel bzw. StropheAusgabe, Seite
Folkwang, täglicher Anteil an den GefallenenGrimnismâlStrophe 14S. 14
Wohnung und Saal SessrumnirGylfaginnîngKapitel 24S. 265
KatzengespannGylfaginnîngKapitel 24 und 49S. 265, 288
Halsschmuck Brisinga MenGylfaginnîngKapitel 35S. 270
Njörd als Vater, Freyr als BruderGylfaginnîngKapitel 24S. 265
Freyja und die ZauberpraxisYnglinga saga (Laing 1844)Kapitel IVS. 219
Loki erbittet Freyjas FederhemdThrymskvidhaStrophe 3S. 82
Ottar-Odhur-Identität ungeklärt (Anmerkung)Anmerkungen—S. 415
Seiðr als Vorwurf gegen Odhin, ohne Freyja-BezugÖgisdreckaStrophe 24S. 75
Simrock kennt die Ynglinga saga, übersetzt sie nichtAnmerkungen—S. 395-396
Njörd in Wanaheim erzogen, den Göttern als Geisel gegebenGylfaginnîngKapitel 23S. 264
Erwerbsgeschichte des Halsschmucks nur als Fremdverweis, nicht im übersetzten TextAnmerkungen—S. 394
Volkwang-Verknüpfung mit den Todten ist Deutung (Anmerkung)Anmerkungen—S. 405
Freyja und Frigg in der Ögisdrecka getrennt angesprochenÖgisdrecka—S. 75-76
Meyers schwankt bei Wanen-Zuordnung (1888 ohne, 1890 mit)Meyers Konversations-LexikonBd. 12 / Bd. 16S. 220 / S. 382
Freyjas Zorn und das HalsbandThrymskvidhaStrophe 13 und 15S. 83-84
Odhur zieht fort, Freyjas Tränen zu rothem GoldGylfaginnîngKapitel 35S. 270
Freyjas Eber mit den goldenen BorstenHyndluliod—S. 119
Namensursprung: „Ehrenname“ für vornehme FrauenGylfaginnîngKapitel 24S. 265
Halsschmuck als „Brisingamens“ (Kenningliste)AnmerkungenC. 19S. 344-345
Freyja heißt auch Wanadis (Wanengöttin)GylfaginnîngKapitel 35S. 270
Frigg und Freyja bei Baldurs LeichenbrandGylfaginnîngKapitel 49S. 288
Freyja/Frigg „vielfach vermengt“ (Meyers)Meyers Konversations-Lexikon, 4. AuflageBd. 6S. 736

Ausgaben, Übersetzer und Bearbeitungsstände zeigt die verwendeten Edda-Ausgaben im Überblick.

Hinweis zur Schreibung: Die Namensformen folgen dem Register, die Zitate der Ausgabe. Der Liedtext schreibt „Volkwang“, das Register „Folkwang“; der Halsschmuck heißt im Haupttext „Brisinga Men“, im Erläuterungsteil „Brisingamens“. Die Erwerbsgeschichte des Halsschmucks steht hier nicht im übersetzten Text, sondern nur als Fremdverweis in den Anmerkungen; als Überlieferung erzählt die Seite sie nicht.

Was das heute bedeutet: Deutungen des 19. Jahrhunderts

Was hier steht, ist Deutung und Nachleben, nicht der überlieferte Mythos. Zur Wortbedeutung des Halsschmucks nennt die Einleitung der Ausgabe zwei einander widersprechende Meinungen: nach Simrocks eigenem Handbuch bedeute Brisingamen „den Schatz der Brisinger oder Breisacher, also das Rheingold, nicht wie neuerdings Uhland wollte, den Bernstein der Preußischen Ostseeküste“ (S. 351). Auch die Verknüpfung von Volkwang mit den Todten ist Deutung.

Nicht zu verwechseln mit: Frigg

Freyja und Frigg werden bis heute vermengt, und das ist selbst belegt: Meyers Konversations-Lexikon schreibt 1887 zu Frigg, sie werde „vielfach mit Freyja (s. d.) vermengt“ und gehe „in diese über“. Der Artikel steht im schwächeren Bearbeitungsstand „korrigiert“ und dient nur als Zweitbeleg. Da dieses Nachschlagewerk keine eigene Abgrenzungs-Seite führt, wird die Unterscheidung hier geleistet, Achse für Achse und für beide Gestalten mit Fundstelle.

Fünf Achsen, beidseitig belegt

AchseFreyja (mit Fundstelle)Frigg (mit Fundstelle)
HerkunftsgeschlechtNjörds Tochter, „Wanadis“ (Gylfaginnîng 24 und 35)„Fiörgwins Tochter“, Asengeschlecht (Gylfaginnîng 9, S. 255)
Stellung und Bindung„einem Manne vermählt, der Odhur heißt“ (Gylfaginnîng 35, S. 270)„Seine Frau ist Frigg“ (Gylfaginnîng 20, S. 262)
Wohnort und HalleFolkwang mit dem Saal Sessrumnir (Register, S. 265)Fensal (Register; Völuspâ 37, S. 8)
Zuständigkeitsbereichetäglich die Hälfte der Gefallenen (Grimnismâl 14, S. 14); für Frigg nicht belegtVorwissen: „sie weiß aller Menschen Geschick“ (Gylfaginnîng 20, S. 262; Ögisdrecka 29, S. 76)
Kenning-Listen„Njörds Tochter, Freys Schwester, Odhs Gemahlin … der Katzen und Brisingamens“ (Erläuterungen C. 19, S. 344-345)„Fiorgyns Tochter, Odhins Gemahlin, Baldurs Mutter … Fensals Herrin“ (ebenda)

Wo die Überlieferung uneindeutig bleibt: das Falkengewand

Das Falkengewand hat in derselben Ausgabe zwei Eigentümerinnen; diese Seite löst den Widerspruch nicht auf. Zweimal gehört es Freyja: Loki erbittet „ihr Falkengewand“ (Bragarœdhur, S. 297) und „dein Federhemd“ (Thrymskvidha 3, S. 82). Zweimal gehört es Frigg: „mit Friggs Falkenhemde“ (Aus der Skalda, S. 304); die Kenningliste weist es ebenfalls Frigg zu. Die Quellen halten beide auseinander: in der Ögisdrecka sprechen sie getrennt, in Gylfaginnîng 49 erscheinen sie in derselben Szene. Auch Meyers schwankt: 1888 ohne Wanen-Zuordnung, 1890 unter den Wanen.

Leserfragen zu Freyja

Ist Freya die Frau von Odin?

Nein. Ihr Gemahl heißt Odhur, Odhins Frau ist Frigg; mehr im Abschnitt „Nicht zu verwechseln mit“.

Nein: verschiedene Herkunft, Bindung und Halle, jeweils mit Fundstelle im Abgrenzungs-Abschnitt.

Geschwister: In der Gylfaginnîng heißt es, „der Sohn hieß Freyr und die Tochter Freyja“.

Belegt sind der tägliche Anteil an den Gefallenen, Folkwang mit dem Saal Sessrumnir und das Katzengespann.

Die Ausgabe berichtet kein Ende der Gestalt; belegt ist nur Odhurs Fortgang.

Belegt ist nur ein Satz der Gylfaginnîng: vom Namen habe „der Ehrenname den Ursprung, daß man vornehme Weiber Frauen nennt“.

Quellen und Ausgaben

  • Karl Simrock (Übersetzer, 1802-1876), Die Edda, 6. Auflage, Stuttgart 1876; gemeinfrei, Leitausgabe dieser Seite.
  • Snorri Sturluson, Verfasser der Snorra-Edda; benutzt: Gylfaginnîng, Bragarœdhur, Aus der Skalda.
  • Ältere Edda ebenda: Grimnismâl, Völuspâ, Ögisdrecka, Thrymskvidha, Hyndluliod, Register, Erläuterungen.
  • Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, 1885-1890, Bd. 6, 12, 16; Zweitbeleg.
  • Samuel Laing (Übersetzer, 1780-1868), The Heimskringla I, London 1844, Ynglinga saga Kap. IV.
  • Auswahlregel: nur gemeinfreie Ausgaben mit geprüftem Todesjahr des Übersetzers (§ 64 UrhG).