Walküren: Auswählerinnen der Gefallenen in der nordischen Mythologie
Der Mythos in Kürze: Was Walküren sind
Walküren sind Gestalten der nordischen Mythologie, die im Auftrag Odins auf dem Schlachtfeld die Gefallenen auswählen und über den Ausgang der Kämpfe wachen. Ihre Rolle, die Bindung an Odin und Walhall sowie die Aufteilung der Gefallenen mit Freyja beschreibt die folgende Karteikarte, jeweils mit der genauen Fundstelle in der Edda.
Walküren im Steckbrief: Rolle, Attribute, Verwandtschaft und Quellen
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Mythologie | Nordische Überlieferung, angesiedelt im Umfeld der Asen und der Göttin Freyja |
| Rolle | Auswählerinnen der Gefallenen auf dem Schlachtfeld; sie entscheiden über den Ausgang der Kämpfe im Auftrag Odins |
| Attribute | Wunschmädchen genannt; gebunden an die Fólkvangr-Hälfte-Regelung, nach der Freyja täglich die Hälfte der Gefallenen erhält |
| Verwandtschaft und Bezüge | Odin als Auftraggeber, Walhall als Bestimmungsort der odinschen Hälfte, Freyja als Empfängerin der Fólkvangr-Hälfte, Ragnarök als Endzeit der Überlieferung |
| Zur Abgrenzung | Schildmaid: menschliche Kriegerin der Sagenwelt, siehe Abschnitt „Nicht zu verwechseln mit“ |
| Hauptquelle | Grímnismál, das eddische Lied, das als Ausgangspunkt der Fundstellen dieser Seite dient |
Der Mythos: Auswahl auf dem Schlachtfeld, Fólkvangr-Hälfte und Brynhildr
Der Mythos erzählt von Walküren als Auswählerinnen der Gefallenen: Auf dem Schlachtfeld reiten sie zwischen den Kämpfenden, wählen, wer fällt, und entscheiden über den Ausgang des Kampfes; Odin sendet sie in jeden Streit, und ihr Urteil ist sein Wille. Wer von ihnen ausgewählt wird, geht nicht vollständig an ihn: Freyja erhält täglich die eine Hälfte der Gefallenen in ihrem Saal Fólkvangr, Odin die andere Hälfte — die Fólkvangr-Hälfte-Regelung teilt die Toten des Tages zwischen den beiden.
Eine der Walküren trägt in der Überlieferung einen eigenen Namen und eine eigene Geschichte: Brynhildr, der Helmträgerin, weist eine Strophe der Oddrúnargrátr die Bestimmung zum Wunschmädchen zu, eine Walküre in besonderer Nähe zu Odin. Eine andere, benachbarte Episode erzählt von einer Walküre, die gegen Odins Willen handelt: Sie erschlägt in der Schlacht einen Krieger, den Odin am Leben lassen wollte, und wird zur Strafe mit einem Schlafdorn gestochen; von nun an, sagt Odin, solle sie nie wieder Sieg erfechten, sondern sich vermählen. Simrocks Sigrdrífumál-Prosa nennt an dieser Stelle ausschließlich „Sigrdrifa“; die in der Forschung gängige Gleichsetzung mit Brynhildr stammt aus einer anderen Eddadichtung, der Helreið Brynhildar (Sigrdrífumál, Prosa-Einleitung, Simrock 1876). Die beiden Episoden bleiben in dieser Überlieferung getrennt benannt, auch wenn Forschung und spätere Sagenfassung sie zusammenführen.
„Diese heißen Walküren. Odhin sendet sie zu jedem Kampf. Sie wählen die Fallenden und walten des Sieges.“
Karl Simrock (Übersetzer), Die Edda, die ältere und jüngere, Stuttgart, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, 1876, Ältere Edda / Snorra-Edda, Gylfaginning, Abschnitt 36.
Namensherkunft: Was Walküre wörtlich bedeutet
Der Name Walküre geht auf das altnordische Wort valkyrja (Plural valkyrjur) zurück, ein Kompositum aus valr — den auf dem Schlachtfeld Gefallenen, verwandt mit dem mittelhochdeutschen wal(e) — und der Wurzel von kjósa, „wählen“, verwandt mit dem deutschen kiesen beziehungsweise erkiesen. Wörtlich bedeutet der Name damit „Wählerin, die die Schlachtfeld-Gefallenen zu Odin geleitet“; eine Bezeichnung, die die Auswahlfunktion der Gestalten unmittelbar im Wort selbst trägt, nicht erst in der erzählten Handlung. Diese Ableitung verzeichnet das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache; eine darüber hinausgehende, rekonstruierte Sternform oder ein eigener Übersetzungsversuch stehen auf dieser Seite nicht, weil sie über den wörterbuchgestützten Befund hinausgingen. Für die deutsche Namensform bedeutet das: Wer heute von der Walküre spricht, verwendet ein Wort, das die Auswahl auf dem Schlachtfeld bereits in sich trägt, lange bevor die Erzählung selbst einsetzt.
Attribute: Auswahlfunktion, Wunschmädchen und die Fólkvangr-Hälfte
- Auswahlfunktion: Walküren sind in der Überlieferung die Auswählerinnen der Gefallenen: Auf dem Schlachtfeld entscheiden sie, wer im Kampf fällt und wer ihn übersteht, und sie wachen über den Ausgang des Streits. Diese Funktion ist an Odin gebunden: Er sendet die Walküren in jeden Kampf, ihre Wahl ist sein Wille, nicht eine eigene Entscheidung gegen ihn.
- Wunschmädchen: Neben der Auswahlfunktion trägt die Überlieferung für die Walküren die Bezeichnung Wunschmädchen, ein Ausdruck, der ihre besondere Nähe zu Odin fasst und in mehreren Fundstellen der Edda auftaucht, etwa in der Episode um die namentlich genannte Walküre Brynhildr. Die genaue Wortform hat sich seit dem 19. Jahrhundert leicht verändert; die historische Fassung dazu nennt der Abschnitt „Quellen und Ausgaben“.
- Fólkvangr-Hälfte: Nicht alle Gefallenen gehören am Ende Odin: Nach der Fólkvangr-Hälfte-Regelung erhält Freyja täglich die eine Hälfte der auf dem Schlachtfeld Gefallenen für ihren Saal Fólkvangr, Odin die andere Hälfte für Walhall. Diese Teilung verbindet die Rolle der Walküren unmittelbar mit zwei Bestimmungsorten der nordischen Überlieferung.
Verwandtschaft und Bezüge: Odin, Walhall, Freyja und Ragnarök
- Odin: sendet die Walküren in jeden Kampf und ist damit ihr Auftraggeber: Ihre Auswahl auf dem Schlachtfeld setzt seinen Willen um. Mehr zu seiner Rolle: Odin, der Auftraggeber der Walküren.
- Walhall: ist der Bestimmungsort der odinschen Hälfte der Gefallenen; dort werden sie als Einherjar aufgenommen. Zur Halle selbst und zum Tagesablauf der Einherjar: Walhall, die Halle der Einherjar.
- Freyja: empfängt nach der Fólkvangr-Hälfte-Regelung täglich die andere Hälfte der Gefallenen in ihrem Saal Fólkvangr. Näheres: Freyja, Empfängerin der Fólkvangr-Hälfte.
- Ragnarök: ist die Endzeit der nordischen Überlieferung; eine belegte, unmittelbare Erzählverbindung zwischen den Walküren und diesem Ereignis liegt im geprüften Quellenbestand dieser Seite nicht vor. Zur Endzeit selbst: Ragnarök, die Endzeit der nordischen Mythologie.
- Schildmaid: wird in der Forschung gelegentlich neben den Walküren genannt, bezeichnet aber eine andere, menschliche Figur der Sagenwelt; die Unterscheidung erklärt der Abschnitt „Nicht zu verwechseln mit“ weiter unten.
- Übersicht: Einordnung von Figuren, Orten und Texten dieses Themenkreises bietet die Übersicht der nordischen Mythologie.
Wo das steht: Ausgabe, Übersetzer und Strophe
Namentlich gesetzter Ausgangspunkt dieser Fundstellen ist die Grímnismál, das eddische Lied mit der Aufzählung der Walküren-Namen.
| Aussage | Werk | Ausgabe und Übersetzer | Strophe bzw. Abschnitt |
|---|---|---|---|
| Fólkvangr-Hälfte-Regelung: Freyja und Odin teilen sich täglich die Gefallenen | Grímnismál | Karl Simrock, Die Edda, 1876 | Strophe 14 |
| 13 namentlich genannte Walküren, Funktion: Ausschank für die Einherjar | Grímnismál | Karl Simrock, Die Edda, 1876 | Strophe 36 |
| Definitionssatz „Diese heißen Walküren. Odhin sendet sie zu jedem Kampf. Sie wählen die Fallenden und walten des Sieges.“ | Gylfaginning (Snorra-Edda) | Karl Simrock (Übersetzer), Die Edda, 1876 | Abschnitt 36 |
| Sigrdrifa fällt Hjálmgunnar; Odin bestraft sie mit dem Schlafdorn | Sigrdrífumál, Prosa-Einleitung | Karl Simrock, Die Edda, 1876 | Prosa-Einleitung |
| Einherjar-Tagesablauf: täglicher Kampf, gemeinsames Mahl | Vafþrúðnismál | Karl Simrock, Die Edda, 1876 | Strophe 41 |
| Brynhildr als Walküren-Name, zur Wunschmagd bestimmt | Oddrúnargrátr | Karl Simrock, Die Edda, 1876 | Strophe 17 |
| Etymologie: valkyrja, „Wählerin der Gefallenen“ | Wörterbucheintrag | Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) | Artikel „Walküre“ |
Welche Ausgaben und Bearbeitungsstände hinter diesen Angaben stehen, führt die Übersicht der Edda-Quellen im Einzelnen.
Hinweis zur Fundstellen-Praxis: In einer informellen Durchsicht vergleichbarer Seiten zu den Walküren-Namen fällt auf, dass mehrere davon die Namen listenartig aufzählen, ohne eine Ausgabe oder eine Strophe zu nennen: Diese Seite tut das systematisch im vorangegangenen Abschnitt „Wo das steht“. Diese Beobachtung stammt aus einer informellen Sichtung, nicht aus einer förmlichen Auswertung der Suchergebnisse, und wird entsprechend vorsichtig eingeordnet.
Was das heute bedeutet
Diese Seite trennt, was die Quelle sagt, von dem, was eine spätere Deutung daraus macht: Der vorstehende Abschnitt beruht ausschließlich auf den genannten Edda-Fundstellen, dieser Abschnitt wäre der Ort für eine belegte Aussage zur heutigen Rezeption der Walküren. Aus der geprüften Recherche zu dieser Seite liegt derzeit kein Rezeptionsfakt mit eigener Fundstelle vor, der über den Mythos hinausgeht; eine Ergänzung ist möglich, sobald ein solcher Fakt belegt vorliegt.
Nicht zu verwechseln mit: Walküre und Schildmaid
Nicht zu verwechseln mit der Walküre ist die Schildmaid, auch wenn beide Begriffe gelegentlich nebeneinander auftauchen. Die Walküre gehört in den mythologischen Quellenraum der Edda, den diese Seite nachzeichnet. Walküren sind in der Überlieferung übernatürliche Wesen, die im Auftrag Odins die Gefallenen auswählen; Schildmaiden dagegen sind menschliche Kriegerinnen der Sagenwelt (etwa in der Hervarar saga ok Heiðreks konungs und in Saxo Grammaticus‘ Gesta Danorum). Ältere Forschung sieht in solchen Kriegerinnen-Erzählungen sogar einen möglichen Ausgangspunkt der Walküren-Vorstellung, ohne dass beide Figuren deckungsgleich wären. Diese Seite behandelt ausschließlich die Walküre; wer die Gegenrichtung der Abgrenzung sucht, findet sie auf der Seite Walküre oder Schildmaid, die den Vergleich von der Schildmaid-Seite aus führt.
Leserfragen zu den Walküren
Was ist eine Walküre?
Walküren sind Gestalten der nordischen Mythologie, die Odin in jeden Kampf entsendet: Sie wählen aus, wer auf dem Schlachtfeld fällt, und lenken den Sieg. Der Name geht laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache auf das altnordische valkyrja zurück, zusammengesetzt aus valr (die auf dem Schlachtfeld Gefallenen) und der Wurzel von kjósa (wählen), wörtlich also „Wählerin der Gefallenen". Mehr dazu steht in der Kurzantwort und im Abschnitt zur Namensherkunft weiter oben.
Wie viele Walküren nennt die Edda?
Die Grímnismál nennt in einer Strophe 13 Walküren namentlich, die den Einherjar in Walhall den Met ausschenken. Eine abschließende Gesamtzahl kennt die Überlieferung nicht. Weitere Walküren mit eigenem Namen, etwa Brynhildr, treten in anderen Liedern der Edda auf. Die einzelnen Namen und ihre genaue Fundstelle listet der Abschnitt „Wo das steht".
Ist eine Walküre dasselbe wie eine Schildmaid?
Nein. Wie der Abschnitt „Nicht zu verwechseln mit" weiter oben erklärt, sind Walküren übernatürliche Wesen, die im Auftrag Odins handeln, während Schildmaiden menschliche Kriegerinnen der Sagenwelt sind. Eine ausführlichere Gegenüberstellung führt die eigene Abgrenzungs-Seite zu diesem Begriffspaar.
Quellen und Ausgaben
- Karl Simrock, *Die Edda, die ältere und jüngere*, Stuttgart, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, 1876; die für diese Seite verwendete Ausgabe für Grímnismál, Gylfaginning, Sigrdrífumál, Vafþrúðnismál und Oddrúnargrátr, gemeinfrei seit 1946 (§64 UrhG).
- Snorri Sturluson, Verfasser der Gylfaginning (Snorra-Edda), zitiert nach obiger Simrock-Übersetzung.
- Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften), Artikel „Walküre“, als Etymologie-Beleg.
- Saxo Grammaticus, *Gesta Danorum* (um 1200, lateinisch verfasste dänische Chronik): im Fließtext (Abschnitt 9) als Beleg für die Schildmaid-Sagenwelt genannt, hier nicht als zitierte Edda-Ausgabe, sondern als bibliographischer Nachweis des genannten Werks.
- *Hervarar saga ok Heiðreks konungs* (isländische Saga): ebenso im Fließtext (Abschnitt 9) namentlich genannt.
- Zitiert werden ausschließlich Wikisource-Digitalisate der Simrock-Ausgabe 1876 sowie das DWDS; moderne kritische Editionen, die unter §70 UrhG Leistungsschutz genießen könnten, werden nicht verwendet.
- Lesart-Hinweis: Simrocks Übersetzung schreibt an der Stelle zu Brynhildr (Oddrúnargrátr, Strophe 17, Simrock 1876) „Wunschmagd“, nicht „Wunschmädchen“; beide Formen gehen auf dieselbe altnordische Wurzel óskmey/óskmær zurück. Diese Seite verwendet im Fließtext die heute gebräuchliche Form „Wunschmädchen“.