Baldur (nordische Mythologie): Mythos und Fundstellen

Farbige Buchillustration: Riesin Hyrrockin stößt Baldurs Schiff Hringhorn zu Wasser, Thor mit erhobenem Hammer daneben.
Emil Doepler, 1905, gemeinfrei. Die Riesin Hyrrockin stößt Baldurs Schiff Hringhorn zu Wasser, Thor mit erhobenem Hammer daneben; Blatt aus Emil Doepler: Walhall, die Götterwelt der Germanen, Berlin ca. 1905, S. 53.

Der Mythos in Kürze: wer Baldur in der Überlieferung ist

Baldur ist in der nordischen Überlieferung ein Sohn Odins: In der Gylfaginnîng heißt es „Odhins anderer Sohn ist Baldur“, und die Leitausgabe gibt ihm statt eines Titels den Glanz als Sache. Ein Gott-Wort führt dieselbe Ausgabe dennoch: Ihr Kenning-Apparat nennt ihn „der beweinte Gott“.

Baldur im Steckbrief: Definition, Herkunft, Wohnsitz, Fundstellen

MerkmalAngabe
Mythologienordische Überlieferung; Leitausgabe Simrock 1876
Bezeichnung der Ausgabe„der beweinte Gott“ (Kenning-Apparat, S. 343)
WohnsitzBreidablick, so die Schreibung der Ausgabe (Kap. 22, S. 264)
Verwandtschaft„Sohn Odhins und der Frigg, Nannas Gemahl, Forsetis Vater“ (S. 343)
Namensformen derselben GestaltBaldur (Leitausgabe), Balder (Handbuch, Label), Baldr (altnordisch)
HauptfundstellenGylfaginnîng 22, 49 und 53; Wöluspa 36/37 und 60

Der Mythos: Träume, Eide und die eine Ausnahme

Der Vorgang steht in Gylfaginnîng 49 und beginnt mit den Träumen: „daß Baldur der gute schwere Träume träumte, die seinem Leben Gefahr dräuten“. Frigg nimmt darauf Eide von Feuer, Wasser, Erzen, Steinen, Bäumen, Krankheiten und Tieren, „daß sie Baldurs schonen wollten“; im Vegtamskvidha nimmt sie „die festen Schwür in Empfang“. Dann fragt ein altes Weib in Fensal nach der Ausnahme, und Frigg antwortet.

„Haben alle Dinge Eide geschworen, Baldurs zu schonen? … Östlich von Walhall wächst eine Staude, Mistiltein genannt, die schien mir zu jung, sie in Eid zu nehmen.“

Simrock 1876, Gylfaginnîng 49, S. 287.

Der Schuss mit dem Mistelzweig

Die Ausgabe erzählt: „Loki nahm den Mistiltein, riß ihn aus und ging zur Versammlung.“ Hödur steht blind „zu äußerst im Kreiße der Männer“; ihm gilt der Satz „so schieße nach ihm mit diesem Reis“. Dann: „Hödur nahm den Mistelzweig und schoß nach Baldur nach Lokis Anweisung. Der Schuß flog und durchbohrte ihn, daß er todt zur Erde fiel“. Das Wort Mistelzweig steht in der ganzen Ausgabe nur hier; sonst schreibt sie Mistiltein, die Wöluspa „Zweig der Mistel“.

Leichenbrand auf dem Schiff Hringhorn

Dann der Leichenbrand: „Hringhorn hieß Baldurs Schiff, es war aller Schiffe gröstes“; Hyrrockin stößt es vor, „daß Feuer aus den Walzen fuhr und alle Lande zitterten“. „Als sein Weib, Neps Tochter Nanna, das sah, da zersprang sie vor Jammer und starb“; Thor weiht den Scheiterhaufen mit Miölnir, die Gästereihe beginnt mit Odhin und Frigg, und Odhin legt den Ring Draupnir auf den Scheiterhaufen.

Die Verhandlung um die Heimfahrt

Dann fragt Frigg, „wer unter den Asen ihre Gunst und Huld gewinnen und den Helweg reiten wolle“, um der Hel „Lösegeld zu bieten, daß sie Baldurn heimfahren ließe gen Asgard“; die Fahrt übernimmt „Hermodhr der schnelle, Odhins Sohn“. Neun Nächte reitet er durch „tiefe dunkle Thäler“, über die goldbelegte Giöllbrücke, die die Jungfrau Modgudr bewacht; in der Halle „sah er seinen Bruder Baldur auf dem Ehrenplatze sitzen“.

„Und wenn alle Dinge in der Welt, lebendige sowohl als todte, ihn beweinen, so soll er zurück zu den Asen fahren; aber bei Hel bleiben, wenn Eins widerspricht und nicht weinen will.“

Simrock 1876, Gylfaginnîng 49, S. 289.

Die verweigerte Trauer des Riesenweibs

Die Asen geboten, „Baldurn aus Hels Gewalt zu weinen. Alle thaten das, Menschen und Thiere, Erde, Steine, Bäume und alle Erze“. Eines weint nicht: In einer Höhle sitzt „ein Riesenweib …, das Thöck genannt war“, und antwortet „Thöck muß weinen mit trocknen Augen … Behalte Hel was sie hat“. Beim Schuldigen hält die Ausgabe selbst Abstand: „Man meint, daß dieß Loki, Laufeyjas Sohn, gewesen sei“.

Seite 287 der Edda-Ausgabe Simrocks von 1876, gemeinfrei: Textstelle zu Eiden, Mistelzweig-Schuss und Baldurs Tod in Gylfaginnîng 49.
Karl Simrock (Übersetzer), 1876, gemeinfrei. Seite 287 mit dem Text zu Eiden, Mistelzweig-Schuss und Leichenbrand aus Gylfaginnîng 49; aus: Die Edda, 6. Auflage, Stuttgart 1876, S. 287; Scan: Google Books über Wikimedia Commons.

Namensformen: Baldur, Balder, Baldr und die Schreibungen der Ausgabe

Die Leitausgabe schreibt durchgehend Baldur, so auch ihr Register (S. 464); Balder kommt in ihr an keiner Stelle vor. Diese Form trägt das Handbuch (Meyers, Bd. 12, S. 220) und das deutsche Wikidata-Label; altnordisch steht Baldr, im Liedtitel „(Baldrs draumar)“. Beim blinden Schützen führt dieselbe Ausgabe drei Schreibungen: Hödur in der Prosa (S. 267), Hödr im Lied und Hödhr im Registerlemma (S. 471); Leitform bleibt die altnordische Höðr. Eine Deutung des Namens trägt keiner der geprüften Zeugen.

Attribute und Merkmale: Glanz, Breidablik, Urteil

  • Glanz als Sache, nicht als Titel: die Gylfaginnîng beschreibt ihn „so schön von Antlitz und so glänzend, daß ein Schein von ihm ausgeht“.
  • Urteil und Rede: „der weiseste, beredteste und mildeste“; „Niemand kann seine Urtheile schelten“.
  • Wohnsitz Breidablik: die Ausgabe schreibt Breidablick und ordnet ihn an zwei Stellen zu (S. 264; Grimnismâl 12, S. 14); an einer dritten steht der Ort ohne Zuordnung.
  • Besitz: der Kenning-Apparat nennt ihn „Hringhorns und Draupnirs Besitzer“.

Gott des Lichts: was die Ausgabe sagt und was nicht

Die Bezeichnung Gott des Lichts steht nicht in der Leitausgabe: Die Volltextprüfung ihrer Scanseiten ergab null Treffer. Der Quellentext gibt statt eines Titels den Glanz als Sache. Im Apparat derselben Ausgabe erscheint die Licht-Deutung als benannte Meinung Uhlands, referiert von Simrock. Wörtlich steht die Bezeichnung erst in einem Handbuch des 19. Jahrhunderts; sein Wortlaut steht im Deutungs-Abschnitt. Ihr Kenning-Apparat nennt ihn selbst „der beweinte Gott“.

Verwandtschaft: Sohn Odins und Friggs

Sohn Odins und Friggs: In einer Wendung führt der Kenning-Apparat beide Eltern, „Als der Sohn Odhins und der Frigg, Nannas Gemahl, Forsetis Vater …“; die Mutter steht ebenda noch einmal als „Baldurs Mutter“. Eigene Seiten führen Odin, sein Vater in der Überlieferung und Frigg, seine Mutter in der Überlieferung; den Rahmen gibt die nordische Mythologie im Überblick. Nanna, Forseti und der Bote, den die Ausgabe „seinen Bruder“ nennt, haben keine eigene Seite.

Wer am Vorgang beteiligt ist

Der Kenning-Apparat benennt die Gegenseiten fest: Loki „als Anstifter des Mordes Baldurs“, Hödur als „der blinde Ase, Baldurs Tödter, Mistilteins Schießer“. Die Erzählung in der Gylfaginnîng spricht vorsichtiger: „Man meint, daß dieß … gewesen sei“; der Unterschied bleibt stehen. Eigene Seiten führen Loki, den der Kenning-Apparat als Anstifter führt und Hel, die über die Heimfahrt entscheidet.

Die Wiederkehr nach Ragnarök

Die Wiederkehr nach Ragnarök ist in derselben Ausgabe zweimal belegt: In der Prosa kommen „Baldur und Hödur aus dem Reiche Hels“ und wohnen „auf dem Idafeld, wo zuvor Asgard war“; im Lied heißt es „In Heervaters Himmel wohnen Hödur und Baldur“. Das Wort Ragnarök fehlt in der Leitausgabe, sie schreibt Götterdämmerung (Register S. 469); die Registerwendung steht deshalb ohne Anführungszeichen. Den Untergang selbst führt Ragnarök, der Untergang der Götter in der Überlieferung.

Zwei Ortsangaben derselben Ausgabe

StelleOrtsangabeFundstelle
Prosa„auf dem Idafeld, wo zuvor Asgard war“; der Schütze kehrt mit zurückGylfaginnîng 53, S. 295
Lied„In Heervaters Himmel wohnen Hödur und Baldur“Wöluspa 60, S. 11
altnordischer Wortlautstützt die Rückkehr, nennt hier keinen Wohnortohne Übersetzer

Die Divergenz bleibt stehen.

Wo das steht: Ausgabe, Kapitel und Seite

AussageWerk oder LiedKapitel/StropheAusgabe, Seite
Definition, Glanz, WohnsitzGylfaginnîngKap. 22S. 264
Hödur als blinder Ase (Einführung)GylfaginnîngKap. 28S. 267
Eide, Schuss, Leichenbrand, Heimfahrt, TrauerGylfaginnîngKap. 49S. 286-289
Wiederkehr, Prosa und LiedGylfaginnîng; WöluspaKap. 53; Str. 60S. 295; 11
Wohnsitz und Mistel im LiedGrimnismâl; WöluspaStr. 12; 36/37S. 14; 8
Träume, Eide, SchreibungenVegtamskvidhaStr. 1/4; 13/14S. 34; 36
Bezeichnungen, GegenseitenKenning-Apparat der SkaldaAbschnitt 2S. 343-344
Stellenkarte, RegisterformenRegister der AusgabeStichwörterS. 464, 471, 474
ZweitbelegMeyers, 4. AuflageBd. 12S. 220
Namensformen im Liedtitel und im LiedBaldrs draumar; VegtamskvidhaLiedtitel; Str. 13S. 376; 36
Uhlands Licht-Deutung, referiert von SimrockAnmerkungen zur Gylfaginnîng—S. 372
Breidablik ohne ZuordnungGylfaginnîngKap. 17S. 261

Leitausgabe ist durchgehend Simrock 1876; sie ist gemeinfrei, der Übersetzer starb am 18.07.1876, die Frist lief zum 31.12.1946 ab. Diese Ausgaben führt die benutzten Edda-Ausgaben im Überblick.

Was das heute bedeutet: Deutung und Nachleben

Was das heute bedeutet, ist Deutung und Nachleben, nicht Überlieferung. In den Anmerkungen zur Gylfaginnîng referiert Simrock die Licht-Deutung als Meinung Uhlands: „wie Baldur das Licht“. Ein Handbuch des 19. Jahrhunderts schreibt dann „Balder, der Frühlings- oder Sommergott, der Gott des Lichts und der Schönheit“: eine Angabe dieser Ausgabe, keine Sachaussage über die Überlieferung. Eine Rezeptionsfigur aus Spiel, Comic oder Film war in dieser Prüfung nicht belegbar; deshalb wird hier keine genannt.

Nicht zu verwechseln mit: Namensformen und Gestalten des Vorgangs

Nicht zu verwechseln mit einer zweiten Gestalt sind die Namensformen dieser einen: Baldur ist die Form der Leitausgabe, Balder die des Handbuchs und des deutschen Labels, Baldr die altnordische; der Wohnsitz heißt in der Ausgabe Breidablick, in der Registerform Breidablik. Jede Form steht mit ihrer Fundstelle, keine ersetzt eine andere.

Die Gestalten desselben Vorgangs

  • Der Schütze: die Gylfaginnîng nennt ihn „Hödur heißt Einer der Asen. Er ist blind, aber sehr stark“; er ist nicht Gegenstand dieser Seite.
  • Der Bote: „Hermodhr der schnelle, Odhins Sohn“, auf S. 288 ausdrücklich Baldurs Bruder genannt; Registerlemma S. 471.
  • Die Gemahlin: Nanna, „Neps Tochter“, im Apparat „Nannas Gemahl“.
  • Das Riesenweib: Thöck, das die Trauer verweigert.

Außerhalb der Überlieferung ist derselbe Name als männlicher Vorname und als Familienname geführt und benennt gleichnamige Sachen; alles Rezeptionshafte steht im Abschnitt „Was das heute bedeutet“.

Leserfragen zu Baldur

Welcher Gott ist Baldur?

Die Leitausgabe gibt ihm kein Amtswort; ihr Kenning-Apparat nennt ihn „der beweinte Gott". „Gott des Lichts" steht erst im Handbuch.

Ja: „Odhins anderer Sohn ist Baldur", ebenso im Lied; Balder ist dabei die Schreibung des Handbuchs.

Der Kenning-Apparat führt beide als Söhne Odhins, mit verschiedenen Müttern; mehr sagt die geprüfte Ausgabe dazu nicht.

Die Ausgabe erzählt Schuss und Tod und Hels Bedingung; was sie zur Wiederkehr sagt, steht im eigenen Abschnitt dieser Seite.

Die Gylfaginnîng nennt sie „Sein Weib, Neps Tochter Nanna"; der Kenning-Apparat nennt ihn „Nannas Gemahl". Eine eigene Seite hat sie nicht.

Quellen und Ausgaben

  • Karl Joseph Simrock (Übersetzer), Die Edda, die ältere und jüngere, nebst den mythischen Erzählungen der Skalda, 6. Auflage, Stuttgart 1876 (J. G. Cotta’sche Buchhandlung); Leitausgabe dieser Seite.
  • Snorri Sturluson, Verfasser der Snorra-Edda, in ebendieser Ausgabe.
  • Ludwig Uhland, Deutungsträger, belegt über Simrock 1876, S. 372.
  • Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Bd. 12, S. 220; unsigniert, Zweitbeleg.
  • Der altnordische Wortlaut der Snorra Edda, ohne Übersetzer, als Gegenprobe.
  • Auswahlregel: gemeinfrei, je Ausgabe geprüft.