Midgardschlange (nordische Mythologie): Jörmungandr, Angelfahrt und Untergang

Gewaltige Windungen der Midgardschlange umschließen das Boot; Thor greift nach ihr, ein Riese liegt auf ihrem Leib.
W.G. Collingwood (1854–1932), 1908, gemeinfrei. Illustration zu Hymiskviða aus Olive Brays Ausgabe der Poetischen Edda (1908), Seite 113, im Bildverzeichnis „Thor's Fishing" betitelt: die Windungen der Midgardschlange füllen das Bild, ein Riese liegt auf ihrem Rücken, Thor greift aus dem Boot nach ihr.

Der Mythos in Kürze: was die Midgardschlange in der Überlieferung ist

Die Midgardschlange ist in der nordischen Überlieferung das zweite der drei Kinder, die Loki mit dem Riesenweib Angurboda zeugt; die Ausgabe nennt sie dort zugleich Jörmungandr. Allvater warf sie in die tiefe See, wo sie um alle Länder liegt und sich in den Schwanz beißt.

Die Midgardschlange im Steckbrief: Definition, Herkunft, Lage und Fundstellen

MerkmalAngabe
Mythologienordische Überlieferung; Leitausgabe Simrock 1876
DefinitionGestalt der nordischen Überlieferung; die Schlange in der See um alle Länder (Gylfaginnîng 34, S. 268)
VerwandtschaftVater Loki, Mutter Angurboda (Angrboða); Geschwister Fenriswolf und Hel (S. 267)
Lagein der tiefen See, „die um alle Lande liegt“ (Gylfaginnîng 47, S. 284)
Namensformen derselben GestaltJörmungandr (Leitform), Midgardschlange (Prosa- und Labelform), Midgardswurm, Erdumgürter, Weltenschlange (Registerform)
HauptfundstellenGylfaginnîng 34, 46-48, 51; Wöluspâ 49 und 55; Hŷmiskvidha 18-24; Wortregister S. 474

Der Mythos: Herkunft bei Loki und Angrboða, die Reihe der drei Kinder

Seite 267 der gemeinfreien Edda-Ausgabe von Karl Simrock, 1876, mit der Textstelle zur Herkunft und Geschwisterreihe der Midgardschlange.
Karl Simrock (Übersetzer), 1876, gemeinfrei. Seite 267 der 6. Auflage der Edda-Übersetzung, Stuttgart 1876, mit dem im Fließtext zitierten Wortlaut zur Herkunft und Geschwisterreihe der Midgardschlange.

Die Herkunft steht in der Gylfaginnîng, im Prosateil der Leitausgabe: „Loki hatte noch andere Kinder. Angurboda hieß ein Riesenweib in Jötunheim: mit der zeugte Loki drei Kinder: das erste war der Fenriswolf, das andere Jörmungandr, d. i. die Midgardschlange, das dritte war Hel“. Die Gestalt ist dort das zweite Kind, nicht das erste und nicht das dritte. Diese Seite führt für die Mutter die Form Angrboða; die Ausgabe schreibt Angurboda. Das Kenning-Verzeichnis derselben Ausgabe nennt Loki „als Vater Wanargandrs (des Wolfs Fenrir) und Jörmungandrs (des Midgardswurms), so wie der Hel“ und setzt damit Jörmungandr und Midgardswurm gleich.

Der Wurf in die tiefe See und die Lage um alle Länder

Im selben Kapitel folgt das Hinabwerfen, und handelndes Subjekt ist dort Allvater: Er schickt die Götter, „daß sie diese Kinder nähmen und zu ihm brächten“, und wirft die Schlange selbst in die tiefe See. Dort erwächst sie zu der Größe, in der sie mitten im Meer um alle Länder liegt und sich in den Schwanz beißt. Dieselbe Lage nennt die Gylfaginnîng später „die um alle Lande liegt“.

„warf er die Schlange in die tiefe See, welche alle Länder umgiebt, wo die Schlange zu solcher Größe erwuchs, daß sie mitten im Meer um alle Länder liegt und sich in den Schwanz beißt.“

Simrock 1876, Gylfaginnîng 34, S. 268.

Der erste Auftritt ist eine Katze: die Probe bei Utgardloki

Der erste Auftritt der Gestalt ist eine Katze: Bei Utgardloki fordert der Gastgeber Thor auf, „meine Katze“ aufzuheben; es läuft „eine graue, ziemlich große Katze“ herbei, und Thor bringt nur einen Fuß vom Boden. Die Auflösung der Gylfaginnîng nennt den Namen: „es war die Midgardschlange, die um alle Lande liegt, und kaum war sie noch lang genug, daß Schweif und Haupt die Erde berührten“. Das Wortregister verbucht die Episode: „als Katze 282–284″.

Zur Ebbe gehen Quelle und Handbuch auseinander. Utgardloki erklärt Thors Trunk: „das andere Ende des Hornes lag außen im Meere … welche große Abnahme du hinein getrunken hast: das nennt man nun Ebbe“ (Gylfaginnîng 47, S. 284). Vollmers Wörterbuch von 1874 führt Ebbe und Flut dagegen auf die Schlange zurück: „Wenn sie trinkt, entsteht Ebbe“ (S. 279).

Die Angelfahrt aus der Sicht der Schlange: Köder, Anbiss, Hammerschlag

Die Angelfahrt ist die dichteste Überlieferung dieser Gestalt; die Ausgabe selbst spricht vom Fischfang. Im Hŷmiskvidha-Lied holt Weor im Wald einen „allschwarzen Stier“ und bricht ihm „der beiden Hörner erhabnen Sitz“ ab. Den Kopf steckt er als Köder an die Angel, „zum Kampf mit dem Wurm. Gähnend haschte der gottverhaßte Erdumgürter nach solcher Atzung“; an dieses Wort setzt die Ausgabe eine Fußnote auf Gylfaginnîng 34 und 48. Dann holt Thor, der den Wurm an den Schiffsrand zieht, den „schimmernden Giftwurm“ herauf und trifft „das häßliche Haupt“ mit dem Hammer. Die Prosafassung nennt den Köder Himinbriotr und lässt den Riesen die Angelschnur zerschneiden.

Lied gegen Prosafassung: zwei Ausgänge in einer Ausgabe

Die Registerform Hymiskviða führt die Leitausgabe nicht; sie schreibt Hŷmiskvidha (Überschrift S. 66) und Hymiskwida im Apparat.

MerkmalLied (Hŷmiskvidha 22-24, S. 68-69)Prosa (Gylfaginnîng 48, S. 285-286)
KöderStierkopfOchsenkopf Himinbriotr
BezeichnungErdumgürter, GiftwurmMidgardschlange
RieseHymirYmir (Register: Hymir)
Ausgang„Da senkte sich in die See der Fisch“; kein Schnitt, keine Tötungzerschnittene Angelschnur, zwei Überlieferungen
Grundkeine AngabeAnmerkung S. 388: andere Vorlage

Namensformen und Schreibweisen: vier Bezeichnungen in einer Ausgabe

Die Leitausgabe führt vier eigene Bezeichnungen derselben Gestalt. Jörmungandr steht auf sechs Seiten, durchgehend mit Umlaut; Midgardschlange steht auf neun Seiten, ausschließlich im Prosateil und im Register und in keinem Lied; Midgardswurm steht dreimal, darunter in der Skirnisför „Der menschenleide Midgardswurm“; Erdumgürter ist die Liedform, die das Register der Gestalt zuordnet. Dieselbe Ausgabe schreibt teils Midgardschlange, teils Midgardsschlange mit Fugen-s. Die Form Weltenschlange hat in der Ausgabe null Treffer; sie stammt aus der Bezeichner-Ebene, und abgeleitet wird aus ihr nichts. Eine Wortherkunft des Namens geben weder die Leitausgabe noch die geprüften Handbücher; der Apparat leistet nur die Gleichsetzung „Jörmungandr ist die Midgardsschlange“.

Merkmale und Zuschreibungen: Gift, Größe und die Bezeichnungen des Liedes

  • Gift: laut Gylfaginnîng „Die Midgardschlange speit Gift aus, daß Luft und Meer entzündet werden“; im Hŷmiskvidha-Lied „schimmernder Giftwurm“.
  • Größe: nur relativ nachprüfbar, in der Auflösung der Katzenprobe, ohne Maßangabe.
  • Lage: in der See um alle Länder, mit dem Biss in den eigenen Schwanz.
  • Bezeichnungen des Liedteils, vom Register zugeordnet: Wurm, Erdumgürter, Natter, Giftwurm und Fisch; das Wort Giftwurm steht dort für zwei verschiedene Wesen (S. 290 und S. 69).
  • Motivvergleich: Schauberg führt die Gestalt 1861 in seinem Kapitel über die sich in den Schwanz beißende Schlange (Bd. 2, S. 66/67); eine benannte Deutung, keine Gleichsetzung.
Thor mit erhobenem Hammer und die aufgebäumte Midgardschlange im Kampf, historische Buchillustration von Emil Doepler, um 1905.
Emil Doepler, 1905, gemeinfrei. Illustration aus Walhall, die Götterwelt der Germanen, Martin Oldenbourg, Berlin, Seite 56: Thor mit erhobenem Hammer vor der Midgardschlange, laut Quellenbeschreibung eine Szene aus dem Endkampf zwischen Thor und Jörmungandr.

Bezüge in der Überlieferung: Eltern, Geschwister, Gegenspieler

Jeder Bezug steht mit Fundstelle. Als Vater steht Loki, den die Ausgabe als Vater der Schlange führt, als Mutter das Riesenweib Angurboda, in der Schreibung dieses Projekts Angrboða. Die Geschwister Fenriswolf und Hel stehen in derselben Kinderreihe und werden hier nur benannt. Ins Meer geworfen hat sie Allvater. Utgardloki ist der Gastgeber der Katzenprobe, Thor der Gegenspieler der Angelfahrt und des Untergangs. Nach dem Ende wird sie ein letztes Mal genannt. Den Rahmen gibt der Überblick zu den Wesen und Geschöpfen der nordischen Mythologie.

Midgard: der Weltbereich, auf den die Überlieferung die Schlange bezieht

Midgard ist der Weltbereich, den der Name der Gestalt trägt: Das Wortregister führt das Lemma Midgard, und der Prosatext der Gylfaginnîng bindet die Schlange über die Wendung „die um alle Lande liegt“ an ihn. Die Ordnung der Welten führt diese Seite nicht aus; sie ist der Gegenstand der Übersicht über die neun Welten, zu denen Midgard gehört.

Der Untergang in vier Schichten: Ausbruch, Giftspeien, Gegner, Ende

Der belegte Anteil steht laut Gylfaginnîng in vier Schichten. Der Ausbruch: „Da wird der Fenriswolf los und das Meer überflutet das Land, weil die Midgardschlange wieder Jotenmuth annimmt und das Land sucht“. Die Wirkung: Sie speit Gift und kämpft „dem Wolf zur Seite“. Die Gegnerzuteilung: Thor kann Odin beim Wolf nicht helfen, „denn er hat vollauf zu thun, mit der Midgardschlange zu kämpfen“. Das Ende: „Dem Thor gelingt es, die Midgardschlange zu tödten“, und nach neun Schritten fällt er „todt zur Erde von dem Gifte“. Der Liedteil spricht die Tötung nicht aus (Wöluspâ 55, S. 10). Als Ganzes ist das Untergangsgeschehen, das die Leitausgabe Götterdämmerung nennt, Gegenstand einer eigenen Seite.

Wo das steht: die Stellenkarte der Schlange über sechs Registerlemmata

Wo das steht, Stelle für Stelle:

AussageWerk oder LiedKapitelSeite
Herkunft und GeschwisterreiheGylfaginnîng34Simrock 1876, S. 267
Gleichsetzung im Kenning-Verzeichnis: Jörmungandr und MidgardswurmKenning-Verzeichnis—S. 344
Wurf ins Meer und LageGylfaginnîng34S. 268
Katzenprobe und AuflösungGylfaginnîng46-47S. 280-284
Lage-Formel „die um alle Lande liegt“Gylfaginnîng47S. 284
Angelfahrt im LiedHŷmiskvidha18-24S. 68-69
Angelfahrt in der ProsaGylfaginnîng48S. 285-286
UntergangGylfaginnîng51S. 291-292
Untergang im LiedWöluspâ49, 55S. 9-10
Wortregister-Eintrag „als Katze 282–284″Wortregister—S. 474
Bezeichnung „Der menschenleide Midgardswurm“Skirnisför27S. 97
Apparat-Gleichsetzung „Jörmungandr ist die Midgardsschlange“Apparat—S. 361
Namensformen im Wortregister (Jörmungandr, Erdumgürter)Wortregister—S. 467, 472
Letzte Erwähnung nach dem EndeGylfaginnîng53S. 295
Bezeichnungen des Liedteils im Wortregister: Wurm, Erdumgürter, Natter, Giftwurm, FischWortregister—S. 467-482
Meyers-Symbol-Deutung „des einst alles vertilgenden Weltmeers“Meyers Konversations-LexikonBd. 10S. 880
Herders-Symbol-Deutung „erdumgürtende Midgardschlange“Herders Conversations-LexikonBd. 4S. 354
Meyers-Übersetzung „Mittelraum“ für MidgardMeyers Konversations-LexikonBd. 11S. 592
Deutung als Himmelsraum (Schauberg, 1861)Vergleichendes Handbuch der Symbolik der FreimaurereiBd. 2S. 67

Die Stellenkarte ist über sechs Registerlemmata verteilt: Midgardsschlange, Jörmungandr, Wurm, Erdumgürter, Natter und Giftwurm (Register S. 467-482). Die Leitausgabe ist gemeinfrei, der Übersetzer starb 1876; die benutzten Ausgaben verzeichnet die Übersicht der benutzten gemeinfreien Edda-Ausgaben.

Was das heute bedeutet: drei Deutungen mit benanntem Träger

Was das heute bedeutet, ist Deutung und nicht Überlieferung. Meyers Konversations-Lexikon nennt die Gestalt „das Symbol des einst alles vertilgenden Weltmeers“; Herders Conversations-Lexikon nennt 1856 die Erde „umflossen vom Meer, dessen Symbol die erdumgürtende Midgardschlange ist“; Schauberg deutet sie 1861 als ursprünglich den allesumspannenden Himmelsraum. Die Leitausgabe selbst gibt ihr keine Symbolfunktion. Eine Rezeptionsfigur aus Spiel, Film, Serie oder Literatur war nicht belegbar und wird deshalb nicht genannt.

Nicht zu verwechseln mit: andere Schlangen, moderne Namensträger, eigene Namensformen

Nicht zu verwechseln mit dieser Gestalt sind die anderen Schlangen und Würmer derselben Ausgabe: Das Wortregister trennt „Giftwurm 290″, die Schlange über dem gefesselten Loki, von „(Midgardschlange) 69″, und ebenso die Natter der Heldenlieder von der Natter der beiden Untergangsstrophen (Register S. 469 und S. 475). Zweitens begründet keine der eigenen Bezeichnungen eine zweite Gestalt: Jörmungandr, Midgardschlange, Midgardswurm, Erdumgürter und die Registerform Weltenschlange meinen dieselbe. Drittens sind die modernen Namensträger in Spiel, Serie, Literatur und Produktwelt ein anderer Gegenstand; eine Ableitung wird hier nicht behauptet. Uneindeutig bleibt das Geschlecht: Die Prosa führt „das andere“ Kind und grammatisch „die Midgardschlange“, Vollmer 1874 schreibt „Tochter“ und „Schwester“.

Leserfragen zur Midgardschlange

Wer ist die Midgardschlange?

Das zweite Kind Lokis und des Riesenweibs Angurboda; Allvater warf sie in die tiefe See, wo sie um alle Länder liegt.

Die Prosa sagt: Thor tötet sie und stirbt nach neun Schritten an ihrem Gift. Der Liedteil spricht die Tötung nicht aus; Meyers bestätigt sie unabhängig (Bd. 15, S. 667).

Jörmungandr, Midgardschlange oder Wurm; die Leitausgabe schreibt für das Ereignis nicht Ragnarök, sondern Götterdämmerung (Register S. 469).

Meyers übersetzt Midgard als „Mittelraum", auch „Mannheim, Menschenwelt".

Offen: Weder die Leitausgabe noch die geprüften Handbücher geben eine Wortherkunft; belegt ist nur die Gleichsetzung im Apparat: „Jörmungandr ist die Midgardsschlange".

Die Leitausgabe gibt ihr keine Symbolfunktion und kein moralisches Urteil; Symboldeutungen stehen in den Handbüchern des 19. Jahrhunderts bei Meyers und Herders.

Quellen und Ausgaben

  • Karl Joseph Simrock (Übersetzer, 1802 bis 1876), Die Edda, die ältere und jüngere nebst den mythischen Erzählungen der Skalda, 6. Auflage, Stuttgart 1876; Leitausgabe.
  • Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Bände 10, 11 und 15; unsignierte Artikel.
  • Herders Conversations-Lexikon, Band 4, Freiburg 1856.
  • Vollmers Wörterbuch der Mythologie aller Völker, 3. Auflage, Stuttgart 1874.
  • Joseph Schauberg, Vergleichendes Handbuch der Symbolik der Freimaurerei, Band 2, Schaffhausen 1861.
  • Alle Seitenangaben sind gedruckte Seitenzahlen.
  • Auswahlregel: nur gemeinfreie Ausgaben, je Ausgabe geprüft; der Übersetzer starb am 18. Juli 1876, die Frist lief zum 31. Dezember 1946 ab.