Zwerge: Herkunft, Schmiedekunst und Wohnstätte in der nordischen Mythologie
Der Mythos in Kürze: Was Zwerge sind
Zwerge sind Wesen der nordischen Mythologie, die der Überlieferung nach aus dem Fleisch des Urriesen Ymir entstanden und seither als Meisterschmiede der Götter gelten. Als Handwerker fertigten sie Schätze wie Mjölnir, Gleipnir und den Ring Draupnir und wohnten, der Überlieferung nach, unterirdisch in der Zwergenwelt Svartálfaheim.
Zwerge im Steckbrief: Rolle, Attribute, Verwandtschaft und Quellen
Die folgende Karteikarte bündelt Rolle, Attribute, Wohnstätte und Verwandtschaft der Zwerge in der nordischen Mythologie, rein mythologisch und ohne die im deutschsprachigen Alltag geläufigen Nebenbedeutungen.
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Mythologie | Nordische Überlieferung, Edda |
| Rolle | Meisterschmiede der Götterschätze |
| Attribute | Schmiedekunst, unterirdisches Wohnen |
| Wohnstätte | Svartálfaheim beziehungsweise Niðavellir, eine der Neun Welten |
| Verwandtschaft und Bezüge | Thor, Fenrir, Jötunn und die Neun Welten; begrifflich nahe, aber unterschieden: Alben und Elfen |
| Hauptquelle | Dvergatal, als benannter Ausgangspunkt |
Der Mythos: Die Wette um Mjölnir, Gleipnir und Draupnir
Der Überlieferung nach entstanden die Zwerge aus dem Fleisch des Urriesen Ymir: Als kriechende Maden erhielten sie auf Geheiß der Götter Menschenwitz und Menschengestalt und zogen sich in Erde und Gestein zurück, wo sie seither wohnen. Dieselbe Strophe nennt in Simrocks Übersetzung der Völuspá „Brimirs Blut“, in Snorris Gylfaginning-Zitat derselben Stelle dagegen „des Meerriesen Blut“ — eine Lesartendifferenz innerhalb derselben Ausgabe (Wikisource, Die Edda [Simrock 1876], Gylfaginning §14, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/265).
In einer der bekanntesten Episoden wettete Loki, nachdem er der Göttin Sif heimlich das Haar abgeschoren hatte, sein Haupt gegen die Schmiedekunst der Zwerge: Iwaldis Söhne fertigten zunächst goldenes Haar für Sif, das Schiff Skidbladnir und den Speer Gungnir. Daraufhin traten Brokkr und Sindri gegen die Wette an und schmiedeten den Ring Draupnir und einen Hammer, der später als Mjölnir bekannt wurde.
In einer zweiten Episode fesselten die Götter mit dem Band Gleipnir den Wolf Fenrir. Welche Zwerge Gleipnir fertigten, nennt der Text selbst nicht — nur „einige Zwerge“ (Wikisource, Die Edda [Simrock 1876], Gylfaginning §34, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/276); eine Zuschreibung an Brokkr und Sindri wäre unbelegt.
„Da verwettete Loki sein Haupt mit dem Zwerge, der Brock heißt, daß dessen Bruder Sindri nicht drei eben so gute Kleinode machen könnte wie diese wären.“
Skáldskaparmál, Kap. 35 (§61), Karl Simrock (Übersetzer), *Die Edda*, 6. Aufl., Stuttgart 1876.

Namensherkunft: Woher der Name Zwerg stammt
Der Name Zwerg geht auf eine gemeingermanische Wortsippe zurück: gotisch dvairgs, altenglisch dveorg, althochdeutsch tuerc, mittelhochdeutsch tverc, neuhochdeutsch zwerg, entsprechend dem lateinischen nanus und dem griechischen νᾶνος. Diese Wortform reicht damit über mehrere germanische Sprachstufen hinweg bis in die heutige Schreibweise, wie sie diese Seite durchgehend verwendet. Jacob Grimm versieht die gotische Form selbst mit einem Fragezeichen: Die weitere Herkunft jenseits dieser gemeingermanischen Wurzel bleibt unsicher. Eine über diese belegte Wurzel hinausgehende Spekulation nennt diese Seite bewusst nicht.
Attribute: Schmiedekunst, unterirdisches Wohnen und die Nähe zu den Alben
Innerhalb der Überlieferung lassen sich die Zwerge an drei Leitmerkmalen festmachen.
- Schmiedekunst: Die Zwerge gelten als Meisterschmiede der edlen Metalle und fertigten der Überlieferung nach Schätze wie Ringe, Hämmer und Schmuck der Götter, wie der Mythos-Abschnitt zeigt.
- Unterirdisches Wohnen: Sie wohnen in Höhlen und Klüften, in der Zwergenwelt Svartálfaheim beziehungsweise Niðavellir , einer der Neun Welten. Niðavellir ist im hier zitierten Simrock-Text selbst nicht wörtlich belegt — die nahe Stelle schreibt „Nidabergen“ (Wikisource, Die Edda [Simrock 1876], Völuspá Str. 41, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/016); die heute geläufige Form geht auf eine andere Handschriften-Lesart derselben Strophe zurück.
- Nähe zu den Alben: Begrifflich stehen Zwerge den Alben nahe, bleiben aber eine unterschiedene Gruppe; die volle Abgrenzung folgt im Abschnitt „Nicht zu verwechseln mit“.
Verwandtschaft und Bezüge: Thor, Fenrir, Jötunn und die Neun Welten
Die Zwerge stehen in der Überlieferung mit mehreren Figuren und Welten der nordischen Mythologie in Verbindung, die auf eigenen Seiten dieses Kokons ausführlicher behandelt werden.
- Thor: Der Hammer Mjölnir ist laut Überlieferung ein Werk der Zwerge, das Thor zugeschrieben wird.
- Fenrir: Das Band Gleipnir, mit dem die Götter Fenrir fesseln ließen, fertigten „einige Zwerge“, nicht namentlich benannt.
- Jötunn: Die Zwerge selbst entstanden laut Gylfaginning aus dem Fleisch des Urriesen Ymir, des Stammvaters der Jötunn.
- Neun Welten: Svartálfaheim beziehungsweise Niðavellir zählt zu den Neun Welten, die den Wohnstätten-Rahmen der Zwerge bilden.
- Elfe: Begrifflich nahe stehen den Zwergen die Elfen; die Unterscheidung folgt im Abschnitt „Nicht zu verwechseln mit“.
Einen Überblick über die gesamte nordische Mythologie bietet der Hub dieses Kokons.
Wo das steht: Ausgabe, Übersetzer und Strophe
Ausgangspunkt ist das Dvergatal , die im Quellenkorpus überlieferte Namensliste der Zwerge. Die folgende Tabelle führt jede Aussage dieser Seite auf Ausgabe, Übersetzer und Strophe zurück. Einen Überblick über die verwendeten Ausgaben bietet die Seite zu den Edda-Quellen.
| Aussage | Werk | Ausgabe und Übersetzer | Strophe bzw. Abschnitt |
|---|---|---|---|
| Dvergatal, Ursprung der Zwergen-Namensliste | Völuspá | Simrock 1876 | Str. 9-12, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/012 |
| Dvergatal, Fortsetzung der Namensliste | Völuspá | Simrock 1876 | Str. 13-16, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/013 |
| Ursprungsstrophe, Lesart „des Meerriesen Blut“ | Gylfaginning | Simrock 1876 | §14, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/265 |
| Ymir-Ursprung der Zwerge | Gylfaginning | Simrock 1876 | §14, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/265 |
| Brokkr-und-Sindri-Wette | Skáldskaparmál | Simrock 1876 | Kap. 35 (§61), Seite:Die_Edda_(1876).djvu/313 |
| Draupnir, Fortsetzung derselben Episode | Skáldskaparmál | Simrock 1876 | Kap. 35, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/314 |
| Draupnir, eigener Zwergenname im Dvergatal | Völuspá | Simrock 1876 | Str. 15, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/013 |
| Gleipnir, sechs Zutaten | Gylfaginning | Simrock 1876 | §34, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/276 |
| Namensform „Schwarzalfenheim“ | Gylfaginning / Skáldskaparmál | Simrock 1876 | §34 / §62, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/315 |
| Niðavellir, Lesart „Nidabergen“ | Völuspá | Simrock 1876 | Str. 41, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/016 |
| Neun Welten, Rahmenstrophe | Völuspá | Simrock 1876 | Str. 2, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/011 |
| Namensform „Miölnir“ | Skáldskaparmál | Simrock 1876 | Kap. 17, Seite:Die_Edda_(1876).djvu/310 |
| Etymologie „Zwerg“, gemeingermanische Wortsippe (dvairgs, dveorg, tuerc, tverc) | Deutsche Mythologie | Jacob Grimm, 2. Ausg., Göttingen 1844 | S. 415f. |
| Grimms Fazit zur Zwerg/Alb-Identität („Festgehalten werden muß …“) | Deutsche Mythologie | Jacob Grimm, 2. Ausg., Göttingen 1844 | S. 414f. |
Mehrere gesichtete Wettbewerber-Seiten, darunter mythenchronik.de, behandeln Svartálfaheim und Niðavellir durchgehend als austauschbare Namen derselben Zwergenwelt, ohne Ausgabe oder Strophe zu nennen; diese Beobachtung stammt aus einer informellen Sichtung, nicht aus einer autoritativen Auswertung. Ebenso vermischen mehrere Quellen „Iwaldis Söhne“ mit „Brokkr und Sindri“, obwohl der Simrock-Text beide als getrennte Zwergenpaare derselben Wette-Episode ausweist. Diese Seite hält beide Unterscheidungen an den jeweils belegten Stellen fest.
Was das heute bedeutet
Diese Seite trennt, was die Quelle über die Zwerge sagt, von dem, was daraus später gedeutet oder weitererzählt wird. Für die Zwerge liegt aus der aktuellen Recherche kein belegter, quellengestützter Rezeptionsfakt vor, der über den Mythos hinausgeht; eine Erweiterung dieses Abschnitts bleibt möglich, sobald ein solcher Fakt mit Fundstelle vorliegt.
Nicht zu verwechseln mit: Zwerg, Alb und Elf
Die Quellenlage zu dieser Unterscheidung ist selbst nicht einheitlich. Das eddische Merkgedicht Alvísmál führt Alben (álfar) und Zwerge (dvergar) als gesonderte Kategorien; Snorris Prosa-Edda dagegen setzt Zwerge mit den Schwarzalben gleich. Innerhalb der Überlieferung stehen damit zwei verschiedene Systematisierungen nebeneinander: Das ältere Liedcorpus unterscheidet, die jüngere Prosa-Systematisierung Snorris vereinheitlicht. Jacob Grimm zieht aus diesem Befund das Fazit: „Festgehalten werden muß die Identität der svartälfar und dvergar.“ Diese Seite referiert diesen Befund sachlich, ohne eine der beiden Lesarten als die richtige zu werten. Elfen stehen den Zwergen damit begrifflich nahe, bleiben aber eine eigene Kategorie; wer Zwerg, Alb und Elf im heutigen Sprachgebrauch synonym verwendet, folgt damit eher Snorris Systematisierung als dem älteren Liedcorpus. Eine ausführliche Gegenüberstellung von Zwerg, Alb und Elf bietet die Abgrenzungs-Seite dieses Kokons.
Leserfragen zu den Zwergen
Wer schmiedete Mjölnir, Thors Hammer?
Laut der Wette in Skáldskaparmál Kap. 35 war es Brock, der Bruder des Sindri, nicht „Iwaldis Söhne", die stattdessen Sifs Haar, Skidbladnir und Gungnir fertigten. Die Namensform „Mjölnir" selbst wird in dieser Episode bei Simrock nicht wörtlich genannt, sondern nur als „ein Hammer".
Sind Svartálfaheim und Niðavellir dasselbe?
Sachlich uneindeutig: „Niðavellir" ist im geprüften Simrock-Text selbst nicht wörtlich belegt; die nahe Stelle der Völuspá schreibt „Nidabergen". Die heute geläufige Form geht auf eine andere Handschriften-Lesart derselben Strophe zurück.
Worin unterscheiden sich Zwerge von Alben und Elfen?
Die Quellenlage ist selbst uneinheitlich: Das Alvísmál trennt álfar und dvergar, Snorris Prosa-Edda setzt dvergar mit svartälfar gleich. Die ausführliche Einordnung steht im Abschnitt „Nicht zu verwechseln mit".
Quellen und Ausgaben
- Karl Simrock, *Die Edda*, 6. Aufl., Stuttgart 1876: Ausgabe für Dvergatal, Gylfaginning und Skáldskaparmál, gemeinfrei seit 1946.
- Snorri Sturluson, Verfasser der Gylfaginning und Skáldskaparmál, zitiert nach der Simrock-Ausgabe.
- Jacob Grimm, *Deutsche Mythologie*, 2. Ausgabe, Göttingen 1844, Vorrede signiert Berlin, 28. April 1844, Kapitel „Elbe. Zwerge“.
- Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Aufl., Bd. 20, Leipzig 1909, Artikel „Zwerg“, zeno.org, gemeinfrei.
Zitiert werden ausschließlich Wikisource-Digitalisate, Jacob Grimms Werk von 1844 und der Meyers-Artikel von 1909; moderne kritische Editionen unter §70 UrhG werden nicht verwendet. Der DWB-Artikel „zwerg“ (1938) blieb bewusst ausgeschlossen: Weder Wilhelm noch Jacob Grimm haben Buchstabe Z selbst redigiert, der Bearbeiter ist nicht gesichert.