Jötunn: Die Riesen der nordischen Mythologie

Der Riese Skrymir kratzt sich am Kopf, im Hintergrund läuft der Gott Thor mit erhobenem Hammer heran.
Louis Huard, 1900, gemeinfrei. Der Riese Skrymir und der Gott Thor, Illustration aus „The Heroes of Asgard: Tales from Scandinavian Mythology" von A. und E. Keary (MacMillan & Co., London).

Der Mythos in Kürze: Was Jötnar sind

Jötnar (Einzahl Jötunn) sind in der nordischen Mythologie eine eigene Wesensklasse der Überlieferung: Riesen, die der Erzählung nach älter sind als die Götter und mit der Urzeitgestalt Ymir verbunden sind. Der deutsche Sammelbegriff Riesen und der altnordische Fachbegriff Jötunn bezeichnen dieselbe Gattung, deren Herkunft, Wesensart und Verwandtschaft dieser Beitrag mit Fundstellen aus der Edda belegt.

Jötnar im Steckbrief: Wesensart, Herkunft, Attribute, Verwandtschaft und Quellen

Diese Karteikarte verankert die Jötnar als Gattung, nicht als einzelne benannte Figur, und stellt Wesensart, Herkunft, Attribute, Verwandtschaft und Hauptquelle im Überblick zusammen.

MerkmalAngabe
MythologieNordische Überlieferung, Edda-Textkreis
GattungJötnar / Riesen, eine Wesensklasse, kein einzelner Vertreter
WesensartUrzeitwesen, der Überlieferung nach älter als die Götter
HerkunftEntstanden aus beziehungsweise um die Urzeitgestalt Ymir
ReichJötunheim, eine der Neun Welten
AttributeMännliche und weibliche Gestalten, etwa Skaði und Gerðr, daneben elementar geprägte wie der Feuerriese Surtr
VerwandtschaftBezüge zu Loki (väterlicherseits Jötunn-Abstammung), zu den Zwergen sowie zu den Neun Welten
HauptquelleKarl Simrock, Die Edda, die ältere und jüngere, 1876

Der Mythos: Ymirs Weltschöpfung, Jötunheim und die Rollen beim Ragnarök

In der Erzählung reicht die Weltschöpfung selbst bis zu den Jötnar zurück: Aus dem Leib der Urzeitgestalt Ymir formen die Mächte der Anfangszeit die Welt, aus seinem Blut das Meer, aus seinem Fleisch die Erde, aus seinen Knochen die Berge. Ymir gilt in dieser Überlieferung als der Erste und Älteste seines Geschlechts, und die Jötnar, die aus ihm hervorgehen, werden deshalb als Urzeitwesen beschrieben: älter als die Götter selbst, aus einer Zeit vor der geordneten Welt. Ihr Reich heißt Jötunheim und liegt, wie es die Kosmologie der neun Welten vorsieht, als eigenständiges Land neben den Sitzen der Götter und der Menschen: ein Ort, an dem eigene Gesetze gelten und eigene Gestalten wohnen, von Riesinnen bis zu Riesenkönigen. Innerhalb der Jötnar-Gattung stehen einzelne Gestalten für ganz unterschiedliche Kräfte. Beim Ragnarök, dem Untergang der alten Weltordnung, treten sie nicht als bloße Randfiguren auf, sondern mit klar benannten Rollen: Der Feuerriese Surtr zieht mit flammendem Schwert heran, dessen Glanz die Sonne der Götter überstrahlt, während der Riese Hrym von Osten heranfährt und den Schild erhebt. Beide Auftritte gehören zu den festesten Bildern der Untergangserzählung — nicht als Ausschmückung, sondern als benannter Teil der Handlung, mit der die Jötnar von der Weltschöpfung bis zum Ende der Götterwelt einen eigenen erzählerischen Bogen tragen.

„Sie nahmen Ymir und warfen ihn mitten in Ginnungagap und bildeten aus ihm die Welt: aus seinem Blute Meer und Wasser; aus seinem Fleische die Erde; aus seinen Knochen die Berge.“

Snorri Sturluson, Gylfaginning, in: Karl Simrock (Übersetzer), Die Edda, die ältere und jüngere, 6. Auflage, Stuttgart 1876, Kapitel 8.
Riese Suttung und die Zwerge auf einer Felsklippe im eisigen Meer, historische Buchillustration einer gemeinfreien Mythologie-Ausgabe von 1900.
Louis Huard, 1900, gemeinfrei. Der Riese Suttung und die Zwerge, Illustration aus „The Heroes of Asgard: Tales from Scandinavian Mythology“ von A. und E. Keary (MacMillan & Co., London).

Namensherkunft: Jötunn und die ältere Sammelbezeichnung Thursen

Neben dem Begriff Jötunn kennt die altnordische Überlieferung eine weitere, ältere beziehungsweise parallele Sammelbezeichnung für Riesenwesen: den Begriff Thursen. Die Ältere Edda führt ihn unmittelbar neben der Bezeichnung Reifriesen, als von riesischer Nachkommenschaft die Rede ist. Das genaue Verhältnis zwischen Thursen und Jötunn, ob es sich um ein reines Synonym, um eine historische Doppelform oder um eine engere Teilmenge handelt, lässt der zitierte Text selbst offen; diese Seite behauptet an dieser Stelle keine eigene, darüber hinausgehende sprachhistorische Herleitung, die aus der Fundstelle allein nicht zu belegen wäre. Erkennbar bleibt an dieser einen Stelle jedoch, dass beide Bezeichnungen, Thursen und Reifriesen, dieselbe riesische Nachkommenschaft meinen: ein sprachlicher Hinweis, keine vollständige Begriffsgeschichte.

Attribute: Urzeitwesen und die Bandbreite der Gattung

Innerhalb der Gattung zeigen die Jötnar eine deutliche Bandbreite, die sich an drei Leitmerkmalen festmachen lässt.

  • Urzeitwesen: Die Überlieferung setzt die Genealogie der ältesten Jötnar ausdrücklich vor die Erdschöpfung: Aus dem Geschlecht Ymirs stammt eine Linie, die von Örgelmir über Drudgelmir bis zu Bergelmir reicht, und alle drei werden als „vor der Erdschöpfung“ geboren beschrieben. Diese Zeitstellung, nicht eine bloße Behauptung, begründet die Einordnung als Urzeitwesen.
  • Weibliche Vertreter: Zur Gattung zählen auch namentlich überlieferte Riesinnen. Skaði ist die Tochter des Riesen Thiassi und wird später die Frau des Gottes Njörd. Gerðr ist eine umworbene Jötunn-Gestalt, deren Vater in der Überlieferung Gymir heißt; sie willigt der Werbung nach anfänglicher Ablehnung schließlich ein.
  • Elementar geprägte Vertreter: Neben den Riesinnen stehen elementar geprägte Gestalten wie der bereits genannte Feuerriese Surtr, dessen Rolle beim Ragnarök die Bandbreite der Gattung von der Urzeit bis zum Weltenende zeigt.

Verwandtschaft und Bezüge: Loki, Thor, Zwerge, Ragnarök und die Neun Welten

Die Jötnar stehen in der Überlieferung in mehreren belegten Bezügen zu anderen Gestalten und Welten der nordischen Mythologie.

  • Loki: Loki selbst zählt zu den Asen, doch sein Vater Farbauti wird in der Snorra-Edda als Riese bezeichnet, Loki trägt damit väterlicherseits Jötunn-Abstammung. Mehr zur Gestalt bei Loki.
  • Zwerge: Ein mythologischer Bezug liegt auch zu den Zwergen vor: Ihr Geschlecht entsteht der Überlieferung nach „aus Brimirs Blut“ (Völuspá, Str. 9-10, Lesart offen, ob Brimir mit Ymir gleichzusetzen ist). Näheres bei den Zwergen.
  • Neun Welten: Jötunheim gehört zu den Neun Welten der nordischen Kosmologie und ist damit fest in dieses Weltgefüge eingebunden. Übersicht: Neun Welten.
  • Ragnarök: Die Beteiligung der Jötnar am Weltuntergang ist über die bereits benannten Rollen von Surtr und Hrym belegt und definitorisch, eine darüber hinausgehende Verbindung wird hier nicht behauptet. Mehr zur Endzeit bei Ragnarök.
  • Thor: Auch der Gott Thor wird an dieser Stelle genannt und verlinkt, ohne dass die zitierten Ausgaben für diese Seite eine eigene, direkte Erzählverbindung zwischen ihm und den Jötnar tragen. Mehr zur Gestalt bei Thor.
  • Troll: Auch das eigenständige Wesen Troll gehört zum weiteren Umfeld dieser Gattungen; die begriffliche Abgrenzung zwischen Riese, Jötunn und Troll folgt im Abschnitt „Nicht zu verwechseln mit“.

Einen Überblick über den gesamten Themenkreis bietet die nordische Mythologie.

Wo das steht: Ausgabe, Übersetzer und Strophe

Die folgende Tabelle nennt zu jeder Aussage Ausgabe, Übersetzer und die Kapitel- beziehungsweise Strophenstelle. Einen einzelnen benannten Ausgangstext gibt das Register hier nicht vor; die Fundstellen wurden eigenständig ermittelt, ausschließlich über Wikisource und gemeinfreie Ausgaben. Einen Überblick über die verwendeten Ausgaben bietet die Seite zu den Edda-Quellen.

AussageWerkAusgabe und ÜbersetzerStrophe bzw. Kapitel
Urzeit vor Ymirs WeltschöpfungVöluspáSimrock 1876Strophe 3
Ymir-Weltschöpfung aus Blut, Fleisch und KnochenGylfaginningSimrock 1876Kapitel 8
Ymir-Weltschöpfung, unabhängiger ZweitbelegVafthrúdnismálSimrock 1876Strophe 21
Bergelmir-Genealogie vor der ErdschöpfungVafthrúdnismálSimrock 1876Strophe 28-29
Jötunheim als Reich der JötnarGylfaginningSimrock 1876Kapitel 1 und 34
Surtr beim RagnarökVöluspáSimrock 1876Strophe 51
Hrym beim Ragnarök, Strophenzählung editionsabhängigVöluspáSimrock 1876Strophe 49
Skaði, Tochter des Riesen ThiassiGylfaginningSimrock 1876Kapitel 23
Gerðr, umworbene Gestalt, Vater GymirSkírnisförSimrock 1876Str. 20/22/37/39
Thursen neben ReifriesenVafthrúdnismálSimrock 1876Strophe 33
Vierfach-Unterscheidung Joten, Bergriesen, Trolden/Tröllen, ThursenArtikel „Riesen“Meyers Konversations-LexikonBand 13, 1888/89
Loki, Vater Farbauti, ein RieseGylfaginningSimrock 1876Kapitel 33
Zwerge aus „Brimirs Blut“, Lesart zu Ymir offenVöluspáSimrock 1876Strophe 9-10

Ein methodischer Hinweis zur Genauigkeit: Die Genealogie in Abschnitt „Attribute“ (Örgelmir, Drudgelmir, Bergelmir) steht in der Ältere-Edda-Stelle Vafthrúdnismál. Eine zusätzliche, gesonderte Fundstelle identifiziert Örgelmir mit Ymir selbst: „Da entstand ein Menschengebild, das Ymir genannt ward; aber die Hrimthursen nennen ihn Örgelmir“ (Snorra-Edda, Gylfaginning, Kapitel 5, Simrock 1876). Viele Kurzdarstellungen im Netz behaupten pauschal, die Jötnar seien „älter als die Götter“, ohne eine Fundstelle zu nennen; diese Seite nennt stattdessen die konkrete Strophenstelle, an der diese Zeitfolge tatsächlich steht.

Was das heute bedeutet

Dieser Abschnitt ist für die Deutung reserviert und bewusst vom überlieferten Mythos getrennt: Was hier stünde, wäre Rezeption, nicht Quelle. Für die Jötnar liegt aus der geprüften Recherche derzeit kein belegter, quellengestützter Rezeptionsfakt vor; eine Ergänzung bleibt möglich, sobald eine solche Fundstelle vorliegt.

Nicht zu verwechseln mit: Riese, Jötunn und Troll

Nicht zu verwechseln mit: Riese, Jötunn und Troll. Der deutsche Sammelbegriff Riese bezeichnet ganz allgemein ein übergroßes, menschenähnliches Wesen der Sage; er ist damit weiter gefasst als der spezifische altnordisch-mythologische Begriff Jötunn, der Anker dieser Seite. Das eigenständige Wesen Troll bildet demgegenüber eine dritte, eigene Kategorie der nordischen Überlieferung. Wie eng diese drei Begriffe historisch beieinanderlagen, zeigt das Meyers Konversations-Lexikon von 1888/89 (Art. „Riesen“): Es führt Joten, Bergriesen, Trolden beziehungsweise Tröllen und Thursen noch gemeinsam als Unterarten des Sammelbegriffs Riesen, Trolden/Tröllen also noch als Riesen-Unterkategorie, nicht als vollständig eigenständiges Wesen. Die heute gebräuchliche, schärfere Trennung zwischen Jötunn und Troll weicht von dieser älteren Lexikon-Fassung ab; diese Seite benennt den Unterschied der Lesarten ausdrücklich, statt ihn stillschweigend zu glätten. Eine ausführliche Gegenüberstellung der drei Begriffe bietet die Seite Riese, Jötunn und Troll im Vergleich.

Leserfragen zu den Jötnar

Was ist ein Jötunn?

Ein Jötunn, im Plural Jötnar, ist ein Angehöriger der Riesen-Gattung der nordischen Mythologie: ein Urzeitwesen, das der Überlieferung nach älter ist als die Götter und im Zusammenhang mit Ymirs Weltschöpfung entsteht. Die Überlieferung setzt diese Wesensklasse ausdrücklich vor die Erdschöpfung an, in der Zeit unmittelbar nach Ymir.

Loki selbst zählt zu den Asen. Sein Vater Farbauti wird in der Snorra-Edda jedoch als Riese bezeichnet, sodass Loki väterlicherseits Jötunn-Abstammung trägt. Eine eigene, ausführlich erzählte Verbindung zwischen Loki und den übrigen Jötnar führt die hier zitierte Ausgabe darüber hinaus nicht.

Jötunheim ist das Reich der Jötnar, eine der Neun Welten der nordischen Kosmologie. Die Snorra-Edda nennt es als eigenständiges Reich und Handlungsort der Überlieferung. Sie gilt als Wohnort weiblicher wie männlicher Jötnar-Gestalten und als Handlungsort mehrerer Episoden der Überlieferung.

Neben Jötunn verwendet die Edda auch die ältere Sammelbezeichnung Thursen. Zur Abgrenzung gegenüber dem deutschen Sammelbegriff Riese und dem eigenständigen Wesen Troll siehe den Abschnitt „Nicht zu verwechseln mit". Welches genaue Verhältnis zwischen Jötunn und Thursen besteht, ob Synonym oder Teilmenge, lässt die zitierte Ausgabe offen.

Quellen und Ausgaben

  • Karl Simrock (Übersetzer), *Die Edda, die ältere und jüngere*, Stuttgart, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, 6. Auflage 1876. Leitausgabe für Völuspá, Vafthrúdnismál, Gylfaginning und Skírnisför; gemeinfrei seit 1946 (§ 64 UrhG).
  • Snorri Sturluson, Verfasser der Gylfaginning (Snorra-Edda), zitiert nach der oben genannten Simrock-Übersetzung von 1876.
  • Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Band 13, Leipzig/Wien 1888/89, Artikel „Riesen“, S. 825-826. Anonymes, redaktionelles Werk, Quelle der historischen Vierfach-Unterscheidung.

Zitiert werden ausschließlich Wikisource-Digitalisate der Simrock-Ausgabe von 1876 sowie der gemeinfreie Wikisource-Spiegel des Meyers Konversations-Lexikons von 1888/89; moderne kritische Editionen, die unter § 70 UrhG geschützt sein könnten, werden nicht verwendet.