Fenrir (nordische Mythologie): Herkunft, Fesselung und Untergang

Federzeichnung von 1901: Ein Gott legt dem aufgerichteten Fenriswolf zwischen zwei Säulen eine Kette an.
H. L. M., 1901, gemeinfrei. Ein Gott legt dem aufgerichteten Wolf vor Säulen die Kette an; Illustration aus Mary H. Foster: Asgard Stories: Tales from Norse Mythology, Silver, Burdett and Company, 1901, S. 19.

Der Mythos in Kürze: wer der Fenriswolf in der Überlieferung ist

Der Fenriswolf ist in der nordischen Überlieferung das erste der drei Kinder, die Loki mit dem Riesenweib Angurboda zeugt; die Götter ziehen ihn bei sich auf und fesseln ihn mit dem Band Gleipnir, bis er bei der Götterdämmerung losbricht. Beim Untergang reißt ihm Widar den Rachen entzwei.

Fenrir im Steckbrief: Definition, Herkunft, Fesselung und Fundstellen

MerkmalAngabe
Mythologienordische Überlieferung; Leitausgabe Simrock 1876
Bezeichnung der AusgabeFenriswolf in der Prosa, Fenrir in den Liedern (S. 71, 266, 291)
VerwandtschaftVater Loki, Mutter Angurboda; Geschwister Jörmungandr und Hel (Gylfaginnîng 34, S. 267)
Aufwachsen und FesselungErziehung bei den Asen, Läding, Droma, das Band Gleipnir, Insel Lyngwi im See Amswartnir (S. 268 bis 270)
UntergangWidar reißt ihm den Rachen entzwei (Gylfaginnîng 51, S. 292)
Namensformen derselben GestaltFenrir (Leitform), Fenriswolf (Prosaform der Ausgabe), Wanargandr (Kenning-Verzeichnis, S. 344)
HauptfundstellenGylfaginnîng 25, 34, 51; Wöluspa 32, 53, 54; Wafthrudnismâl 46, 47, 53; Ögisdrecka 38, 41; Register S. 467

Der Mythos: Herkunft bei den Riesen, Aufwachsen bei den Asen

Die Herkunft steht in der Gylfaginnîng: „Loki hatte noch andere Kinder. Angurboda hieß ein Riesenweib in Jötunheim: mit der zeugte Loki drei Kinder: das erste war der Fenriswolf“. Das Hyndluliod bezeugt dieselbe Elternschaft: „Den Wolf zeugte Loki mit Angurboda“. Diese Seite führt die Namensform Angrboða; die Ausgabe schreibt Angurboda, und ihr Register verzeichnet genau diese beiden Stellen (S. 464). Die Gylfaginnîng schreibt weiter: „Den Wolf erzogen die Götter bei sich und Tyr allein hatte den Muth zu ihm zu gehen und ihm zu Eßen zu geben“.

Läding, Droma und das Band aus sechserlei Dingen

Laut der Gylfaginnîng zerreißt der Wolf zwei Fesseln: Läding bricht beim ersten Strecken, die „noch halbmal stärkere“ Droma schlägt er an den Boden, „daß die Stücke weit davon flogen“. Das dritte Band heißt Gleipnir, „schlicht und weich wie ein Seidenband“ und „aus sechserlei Dingen gemacht: aus dem Schall des Katzentritts, dem Bart der Weiber, den Wurzeln der Berge, den Sehnen der Bären, der Stimme der Fische und dem Speichel der Vögel“. Der Wolf verlangt ein Unterpfand; gegeben hat es Tyr, der dem Wolf zu essen gab und dabei die Hand verlor, und der Strick am Ende der Kette heißt Gelgia. Das Tyr-Kapitel nennt die Bissstelle Wolfsglied. Der Quellentext sagt viermal Hand, zweimal die Rechte; vom Arm spricht allein die Anmerkung S. 389.

„Eh ihr mich aber der Feigheit zeiht, so lege Einer von euch seine Hand in meinen Mund zum Unterpfand … bis Tyr zuletzt seine Rechte darbot und sie dem Wolfe in den Mund legte … Da lachten alle außer Tyr, denn er verlor seine Hand.“

Simrock 1876, Gylfaginnîng 34, S. 269.

Die Fesselung auf der Insel und was danach geschah

Die Gylfaginnîng setzt den Vollzug auf eine Insel: die Götter „fuhren dann auf die Insel Lyngwi im See Amswartnir“. Sie ziehen die Kette „durch einen großen Felsen, Giöll genannt“, und sein Geifer „wird zu dem Fluß, den man Wan nennt. Also liegt er bis zur Götterdämmerung“. Getötet haben sie ihn nicht: Sie wollten ihre Freistätten nicht „mit dem Blute des Wolfs“ beflecken, „obgleich Weißagungen verkündeten, daß er Odhins Mörder werden solle“. Das Lied nennt einen anderen Ort: „Gefeßelt liegt Fenrir vor des Flußes Ursprung“ (Ögisdrecka 41, S. 77); beides bleibt nebeneinander stehen.

Wer das Band verfertigte: Skirnir und die Zwerge in Schwarzalfenheim

Wer das Band verfertigt hat, steht in der Gylfaginnîng: „Da schickte Allvater den Jüngling Skirnir genannt, der Freys Diener war, zu einigen Zwergen in Schwarzalfenheim, und ließ“, und auf der Folgeseite endet der Satz: „das Band Gleipnir verfertigen“. Das Wortregister derselben Ausgabe führt „Gleipnir 266. 269.“ und kennt die Seite 268 unter diesem Lemma nicht (S. 469); wer der Stellenkarte folgt, schlägt die Seite mit dem Auftrag gar nicht auf. Belegt ist damit die Herkunft des Bandes: die Zwerge, die das Band nach der Leitausgabe verfertigen, sind an dieser Stelle genannt, ihr übriges Schmiedewerk bleibt ihrer eigenen Seite.

Namensformen und Schreibweisen: Fenrir, Fenriswolf, Wanargandr

Die Ausgabe führt zwei Formen derselben Gestalt: Fenriswolf steht auf sieben Scanseiten, überwiegend in der Prosa der Jüngeren Edda, Fenrir auf vierzehn Scanseiten, überwiegend in den Liedern und im Apparat; Fenrisúlfr hat null Treffer. Daneben stehen weitere Bezeichnungen: Wanargandr im Kenning-Verzeichnis, Leichenwolf und Hwedrungssohn im Untergangs-Lied, der Plural Fenriswölfe im Heldenlied und „Fenrirs Geschlecht“ in der Wöluspa, wozu die Anmerkung sagt: „Fenrir steht hier wohl für Wolf überhaupt“. Eine Wortherkunft gibt weder die Leitausgabe noch das Handbuch von 1888; eine rekonstruierte Namensform nennt diese Seite deshalb nicht.

Das Band, die Fesseln und der Ort: eine geordnete Aufstellung

  • Läding, die erste Fessel: sie bricht beim ersten Strecken.
  • Droma, die zweite, stärkere Fessel.
  • Gleipnir, das dritte Band, aus sechserlei Dingen gemacht.
  • Der Ort: die Insel Lyngwi im See Amswartnir.
  • Die Felsen Giöll und Thwiti, durch die die Kette gezogen wird.
  • Das Schwert im Gaumen und der Fluss Wan aus dem Geifer, wobei die erste Stelle zum Flüsseverzeichnis der Grimnismâl gehört.
Scan der Seite 269 aus der gemeinfreien Edda-Ausgabe von 1876: Textstelle zu Gleipnir und zur Fesselung des Fenriswolfs, in Fraktur gesetzt.
Karl Simrock (Übersetzer), 1876, gemeinfrei. Seite 269 aus Karl Simrock: Die Edda, 6. Auflage, Stuttgart 1876 — Gylfaginnîng 34, Textstelle zu Gleipnir und zur Fesselung des Wolfs (Scan: Google Books über Wikimedia Commons).

Bezüge in der Überlieferung: Eltern, Geschwister, Zieheltern

Die Registerwendung Sohn Lokis hat in der Leitausgabe null Treffer; belegt ist die Sache in anderen Wortformen. Die Gylfaginnîng zählt die Kinderreihe: „das erste war der Fenriswolf, das andere Jörmungandr, d. i. die Midgardschlange, das dritte war Hel“; Jörmungandr und Hel werden hier nur benannt. Als Vater angesprochen wird Loki, den die Ausgabe den Vater des Wolfs nennt; das Kenning-Verzeichnis führt ihn „als Vater Wanargandrs“, und allein der Apparat schreibt „von dessen mit Angurboda gezeugtem Sohne Fenrir“. Erzogen haben ihn die Asen, gefüttert hat ihn Tyr; beim Untergang reitet ihm Odin, der beim Untergang gegen den Wolf reitet entgegen. Im größeren Rahmen stehen die Wesen und Geschöpfe der nordischen Mythologie im Überblick.

Der Untergang: der belegte Anteil dieser Gestalt

Losgerissen wird er im 51. Kapitel der Gylfaginnîng: „Da wird der Fenriswolf los … Der Fenriswolf fährt mit klaffendem Rachen umher“. Sie lässt ihn Odhin verschlingen und Widar ihm „den Rachen entzwei“ reißen, das Wöluspa-Zitat derselben Seiten lässt Widar „dem Hwedrungssohn den Stahl ins Herz“ stoßen, und im Wafthrudnismâl klüftet er „die kalten Kiefern“: Die Ausgabe erzählt denselben Vorgang dreifach verschieden, und diese Seite glättet ihn nicht. Zwei Registerformen stehen hier mit offengelegter Herkunft: Vidar hat in der Ausgabe null Treffer, sie schreibt durchgehend Widar (Register S. 481), und Ragnarök kennt sie nicht, sie schreibt Götterdämmerung (Register S. 469); das Geschehen als Ganzes führt Ragnarök, in der Leitausgabe Götterdämmerung genannt.

Der Herausgeber widerspricht seinem eigenen Prosateil. Zur Wöluspa 39 schreibt er, „so kann es auch Garm sein, denn in der That scheint Fenrir gemeint“, die Prosa habe „unsere Stelle irrthümlich … statt auf Fenrir bezogen“, und „Daß er mit Tyr kämpfe, sagt nur sie“ (S. 359); auf S. 361 steht der Vorbehalt ein zweites Mal. Dieselbe Anmerkung nennt das Band „Glitnir“, was nach dem eigenen Register der Saal Forsetis ist (S. 469). Entschieden wird hier nichts.

Wo das steht: die Stellenkarte des Wolfs in der Leitausgabe

Wo das steht, zeigt die Stellenkarte der Leitausgabe:

AussageWerk oder LiedKapitel/StropheSeite
Herkunft und GeschwisterreiheGylfaginnîng34267
Erziehung, Läding, DromaGylfaginnîng34268
Verfertigung des BandesGylfaginnîng34268-269
Band, Unterpfand, InselGylfaginnîng34269
Felsen, Schwert, DauerGylfaginnîng34270
Fluss Wan im FlüsseverzeichnisGrimnismâl2816
Unterpfand im Tyr-KapitelGylfaginnîng25266
Losreißen, Kampf, TodGylfaginnîng51291-292
Stahl ins HerzWöluspa53/5410
Kalte Kiefern geklüftetWafthrudnismâl5329
Elternschaft im LiedHyndluliod37123
Hand und Ort im RededuellÖgisdrecka38/39; 4177
Namensform-Häufigkeit „Fenriswolf“ (7 Belegstellen)Jüngere Edda (Prosa)–71, 266, 267, 291, 292, 295; Register 467
Weitere Namensform Leichenwolf/Hwedrungssohn im Untergangs-LiedWöluspa53/5410, 293; Register 472
Pluralform „Fenriswölfe“ im HeldenliedHelgakvidha Hundingsbana fyrri39147
Loki als Vater des Wolfs benanntÖgisdrecka1073
Odins eigene Wölfe Geri und Freki (Kontrastbeleg, nicht Fenrir)Meyers Konversations-Lexikon, Bd. 12–328
Namensform „Fenrirs Geschlecht“ in der WöluspaWöluspaStrophe 327
Anmerkung deutet Fenrir als Wolf überhauptAnmerkung (Simrock)–358
Kenning-Verzeichnis nennt Loki als Vater WanargandrsKenning-Verzeichnis–344
Apparat nennt Loki als Vater des WolfsApparat (Simrock)–360
Simrocks Deutung: Untergang „in Fenrir vorgestellt“Anmerkung (Simrock)–389
Naturmythologische Deutung „heulender Sturmeswolf Fenrir“Meyers Konversations-Lexikon, Bd. 8–346
Abgrenzung: Sköll, Hati und Managarm als andere WölfeGylfaginnîng12256

Das Register fasst zusammen: „Fenrir 7. 28. 32. 71. 77. 123. 147. 256. 266–270. 291 bis 293. 295.“, dazu „Feßel für den Fenriswolf 268“ (S. 467); die Transkription dieser Ausgabe gilt als fertig, worauf sich die Null-Befunde stützen. Die Leitausgabe ist gemeinfrei; Meyers Konversations-Lexikon von 1888/89 steht nur als Handbuch-Zweitbeleg daneben. Im Einzelnen verzeichnet sie die benutzten Edda-Ausgaben mit Übersetzer und Jahr.

Was das heute bedeutet: Deutungen mit benanntem Träger

Was das heute bedeutet, ist Deutung und nicht Überlieferung. Die Leitausgabe gibt der Gestalt weder Rang noch Symbol noch Wesensdeutung; belegt sind zwei Deutungen mit benanntem Träger. Simrocks Anmerkung sieht in ihr den Untergang, „der in Fenrir vorgestellt ist“ und den die Leichen der im widernatürlichen Krieg Erschlagenen großziehen. Naturmythologisch deutet Meyers Konversations-Lexikon von 1888 und spricht vom „heulenden Sturmeswolf Fenrir“. Eine Rezeptionsfigur aus Spiel, Film, Serie oder Literatur war in den geprüften Quellen nicht belegbar; deshalb wird hier keine genannt.

Nicht zu verwechseln mit: Namensträger, andere Wölfe, eigene Namensformen

Nicht zu verwechseln mit der Gestalt ist der gleichlautende Personenname außerhalb der Überlieferung: Ein eigener Bezeichner-Eintrag derselben Zeichenfolge steht für einen männlichen Vornamen, Gegenstand dieser Seite ist die Gestalt. Zu trennen sind ebenso die anderen Wölfe des Stoffs, wie es die Gylfaginnîng nennt: Sköll und Hati, „Hrodwitnirs Sohn“, stammen aus dem Eisenholz Jarnwidr, dazu „der Mächtigste dieses Geschlechts“ Managarm; die Ausgabe macht diese Gestalt nicht zu ihrem Vater, und den geläufigen Beinamen Hrodwitnir trägt hier der Vater Hatis. Eine Namensform begründet keine zweite Gestalt. Und derselbe Ortsname trägt zwei Gegenstände: Das Register führt „Lyngwi (Insel) 269.“ neben „Lyngwi (Hundings Sohn) 175.“, einem Menschen der Heldensage (S. 474).

Leserfragen zum Fenriswolf

Ist Fenrir das Kind von Loki?

Ja: Die Gylfaginnîng sagt „mit der zeugte Loki drei Kinder: das erste war der Fenriswolf“, das Hyndluliod bestätigt „Den Wolf zeugte Loki mit Angurboda“.

Aufwachsen bei den Asen, zwei zerrissene Fesseln, das Band Gleipnir mit dem Unterpfand im Rachen, Fesselung auf der Insel; ausgeführt steht das oben.

Die Prosa lässt Widar ihm den Rachen entzweireißen, das Lied den Stahl ins Herz stoßen, das Wafthrudnismâl die kalten Kiefern klüften; keine Fassung wird hier ausgewählt.

Odins eigene Wölfe heißen im Handbuch von 1888 Geri und Freki; diese Gestalt ist sein Gegner, nicht sein Wolf.

Offen: Weder Leitausgabe noch Handbuch geben eine Wortherkunft; belegt sind nur weitere Bezeichnungen wie Wanargandr.

Die Ausgabe gibt der Gestalt keinen Rang und kein moralisches Urteil; benannt sind zwei Deutungen, Simrocks Anmerkung und die naturmythologische Angabe des Handbuchs.

Quellen und Ausgaben

  • Karl Joseph Simrock (Übersetzer, 1802 bis 1876), Die Edda, die ältere und jüngere nebst den mythischen Erzählungen der Skalda, 6. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart 1876; Leitausgabe dieser Seite.
  • Snorri Sturluson, Verfasser der jüngeren Edda, in ebendieser Ausgabe.
  • Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Bände 8 und 12, 1888/1889; unsignierte Artikel, nur als Handbuch-Zweitbeleg.
  • Alle Seitenangaben sind gedruckte Seitenzahlen dieser Ausgabe.
  • Auswahlregel: nur gemeinfreie Ausgaben, je Ausgabe einzeln geprüft; der Übersetzer starb am 18. Juli 1876, die Frist lief zum 31. Dezember 1946 ab.