Hel in der nordischen Mythologie: die Gestalt, nicht der Ort
Der Mythos in Kürze: Hel und die Totenwelt
Hel ist in der nordischen Mythologie die Gestalt der Totenwelt: das dritte Kind Lokis und der Riesin Angurboda. In der Gylfaginnîng, Kapitel 34, heißt es, der Allvater habe ihr „Gewalt über neun Welten“ gegeben, um denen Wohnungen anzuweisen, die „vor Alter oder an Krankheiten starben“. Diese Seite behandelt die Gestalt, nicht den gleichnamig anmutenden Ort.
Hel im Steckbrief: Definition, Rolle, Verwandtschaft, Fundstellen
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Mythologie | nordische Mythologie; Leitausgabe schreibt Hel, ohne Rangwort |
| Herkunft | drittes Kind Lokis und der Riesin Angurboda (Kap. 34, S. 267) |
| Zuständigkeit | „Gewalt über neun Welten“, Alters- und Krankheitstote (S. 268) |
| Wohnstätte | große Wohnstätte, hohes Gehege, mächtige Gitter (S. 268) |
| Erscheinung | „halb schwarz, halb menschenfarbig“ (S. 268) |
| Ort | Niflheim (S. 268); Helheim: Ortsname des Lexikons (Meyers Bd. 8, S. 346) |
| Zugang | Giöllbrücke am Fluß Giöll (Kap. 49, S. 288) |
| Geschwister | Fenriswolf, Jörmungandr (S. 267) |
| Quellen | Simrock 1876; Meyers 4. Auflage (Zweitbeleg) |
Der Mythos: der Wurf nach Niflheim und die Gewalt über neun Welten
Als die Götter die drei Kinder Lokis zu ihm brachten, handelte Allvater selbst, wie es in der Gylfaginnîng, Kapitel 34, heißt: „Die Hel aber warf er hinab nach Niflheim“ und gab ihr Gewalt über neun Welten. Zu ihr kommen allein die, die vor Alter oder an Krankheiten starben. Der altnordische Wortlaut, mit Alföðr als Subjekt, stützt das: „Hel kastaði hann í Niflheim“. Dort hat sie ihre große Wohnstätte hinter hohem Gehege. Im Lied Vegtamskvidha, Strophe 6, heißt der Ort Nifelheim: „Nach Nifelheim hernieder ritt er; Da kam aus Hels Haus ein Hund ihm entgegen“.

„Die Hel aber warf er hinab nach Niflheim und gab ihr Gewalt über neun Welten, daß sie denen Wohnungen anwiese, die zu ihr gesendet würden: solchen nämlich, die vor Alter oder an Krankheiten starben.“
Wo das steht: Simrock (Übersetzer), Die Edda, 6. Auflage 1876, Gylfaginnîng Kap. 34, S. 268.
Der Weg über die Gjallarbrú und die Wächterin Modgudr
In der Gylfaginnîng, Kapitel 49, heißt es, der Bote reite neun Nächte durch „tiefe dunkle Thäler“, bis er „zum Giöllfluße kam und über die Giöllbrücke ritt, die mit glänzendem Golde belegt ist“. Die Registerform ist Gjallarbrú, die Ausgabe schreibt Giöllbrücke. „Modgudr heißt die Jungfrau, welche die Brücke bewacht“; sie weist den Weg: „aber nördlich geht der Weg hinab zu Hel“. Der altnordische Wortlaut nennt Gjallarbrúna und Móðguðr, den Boten Hermóðr, die Ausgabe Hermodhr (S. 287).
Hels Anteil an der Heimfahrt Baldurs
In der Gylfaginnîng, Kapitel 49, fragt Frigg, wer „den Helweg reiten wolle“ und der Hel „Lösegeld zu bieten“, damit Baldur heimfahren dürfe; übernommen hat die Fahrt „Hermodhr der schnelle, Odhins Sohn“. Baldur sitzt dort „auf dem Ehrenplatze“. Hels Anteil endet mit einer Bedingung: „wenn alle Dinge in der Welt, lebendige sowohl als todte, ihn beweinen, so soll er zurück zu den Asen fahren; aber bei Hel bleiben, wenn Eins widerspricht“.
Namensformen: Hel, Helheim und die Schreibungen der Ausgaben
Die Ausgabe führt den Namen der Gestalt als Hel; ihr Register nennt unter demselben Stichwort die Ortsbildungen Helgitter und Helweg. Der Ortsname Helheim fehlt dort; der Befund dazu folgt weiter unten im Abschnitt „Helheim: ein Name der Handbuchliteratur, nicht der Quellentexte“. Die Registerformen Gjallarbrú und Hermóðr stehen gegen die Ausgabenschreibungen Giöllbrücke und Hermodhr, die Verspartie schreibt Nifelheim, die Prosa Niflheim (S. 27 und 34 gegen S. 268). Eine Namensdeutung tragen beide Quellentextzeugen nicht; die belegte Wortangabe steht in Abschnitt 8.
Attribute und Merkmale: Wohnstätte, Gehege, Erscheinung
- Wohnstätte und Gehege: laut Gylfaginnîng, Kapitel 34, „das Gehege umher ist außerordentlich hoch und mit mächtigen Gittern verwahrt“.
- Haushaltung im Wortlaut: Saal „Elend“, „Hunger ihre Schüßel, Gier ihr Meßer“, Bette „Kümmerniss“.
- Erscheinung: „halb schwarz, halb menschenfarbig“.
- Zuständigkeit: „Gewalt über neun Welten“ für die, die „vor Alter oder an Krankheiten starben“.
- Grenze: das Helgitter.
- Lexikonangabe, nicht Edda: laut Meyers Konversations-Lexikon Eisenzaun und „der Hund Garm“.
Verwandtschaft: die Geschwisterreihe aus Gylfaginnîng 34
Die Gylfaginnîng, Kapitel 34, zählt die Kinder in dieser Reihenfolge: „das erste war der Fenriswolf, das andere Jörmungandr, d. i. die Midgardschlange, das dritte war Hel“; die Mutter heißt dort Angurboda. Eigene Seiten führen der Fenriswolf, ihr Bruder in der Überlieferung und Jörmungandr, die Midgardschlange. Den Anlass ihres belegten Bezugs zu Baldur, um dessen Heimfahrt verhandelt wird, nennt Kapitel 49.
Hel im Weltgefüge der neun Welten
Die Gylfaginnîng, Kapitel 3, nennt zwei Stationen: „Aber böse Menschen fahren zu Hel und darnach gen Niflhel; das ist unten in der neunten Welt“; daneben steht die Gewalt über neun Welten aus Kapitel 34. Das Gefüge führt die neun Welten des Weltgefüges, den Rahmen die nordische Mythologie im Überblick.
Tochter Lokis: was die Ausgabe zur Abstammung sagt
In der Gylfaginnîng, Kapitel 34, steht die Abstammung im Wortlaut: „Loki hatte noch andere Kinder. Angurboda hieß ein Riesenweib in Jötunheim: mit der zeugte Loki drei Kinder … das dritte war Hel“; der altnordische Wortlaut führt dieselbe Reihe („þriðja er Hel“). Als Tochter Lokis ist sie damit belegt; was sie tut, steht an eigenen Stellen derselben Ausgabe. Das Lexikon nennt sie „Tochter Lokis und der Riesin Angurboda“ und formuliert den Sturz passivisch. Die Vaterseite führt Loki, ihr Vater in der Überlieferung.
Wo das steht: Ausgabe, Kapitel und Seitenzahl
| Aussage | Werk oder Lied | Kapitel/Strophe | Ausgabe, Seite |
|---|---|---|---|
| Abstammung und Geschwister | Gylfaginnîng | Kap. 34 | Simrock 1876, S. 267 |
| Wurf, Zuständigkeit, Wohnstätte | Gylfaginnîng | Kap. 34 | S. 268 |
| Zwei Stationen, neunte Welt | Gylfaginnîng | Kap. 3 | S. 251 |
| Brücke und Wächterin | Gylfaginnîng | Kap. 49 | S. 288 |
| Auftrag und Bedingung | Gylfaginnîng | Kap. 49 | S. 287-289 |
| Nifelheim im Lied | Wafthrudnismâl; Vegtamskvidha | Str. 43; 6 | S. 27; 34 |
| Registerstellen | Register der Ausgabe | Stichwörter | S. 469, 471, 475 |
| Zweitbeleg | Meyers, 4. Auflage | Bd. 8 und Bd. 12 | S. 346; S. 220 |
| Gegenprobe | altnordischer Wortlaut der Snorra Edda | Gylfaginning | ohne Übersetzer |
Die Leitausgabe ist gemeinfrei: Übersetzer gestorben am 18.07.1876, Frist abgelaufen zum 31.12.1946. Die Ausgaben zeigt die benutzten Edda-Ausgaben im Überblick.
Was das heute bedeutet: Wortgeschichte und Nachleben
Was hier steht, ist Nachleben und Deutung, nicht die Überlieferung. Das Meyers Konversations-Lexikon verzeichnet die Wortformen „Hel (bei den Goten Halja, altdeutsch Hellia)“ und die mittelalterliche Vorstellung „von einer gefräßigen, hungrigen, unersättlichen Hölle“: eine Angabe über Wörter, nicht über die Sache. Dass heute Gestalt und Ort gleichgesetzt werden, ist Rezeption; die Quellenlage steht im folgenden Abschnitt. Die Filmfigur Hela von 2017 ist eine eigene Gestalt: Die Überlieferung führt Hel als Tochter Lokis.
Nicht zu verwechseln mit dem Ort: die Gestalt und ihr Bereich
Nicht zu verwechseln mit dem Ort, in dem die Toten wohnen: Diese Seite beschreibt die Gestalt Hel. Die Unterscheidung fällt nicht leicht, denn das Register der Leitausgabe trennt beides selbst nicht: Unter dem einen Stichwort Hel stehen die Kapitelseiten der Gestalt neben den Ortsbildungen Helgitter und Helweg. Eine eigene Seite zum Ort gibt es nicht, die Unterscheidung steht deshalb hier; übertragen wird dabei nichts von der einen auf die andere Seite.
Helheim: ein Name der Handbuchliteratur, nicht der Quellentexte
Der Ortsname Helheim kommt in der Leitausgabe nicht vor. Ihr Register führt zum Namen nur Hel samt Helgitter und Helweg, keine Ortsbildung mit -heim (S. 471); die Volltextprüfung der Scanseiten ergab null Treffer. Auch der altnordische Wortlaut der Snorra Edda kennt die Form nicht; belegt sind dort Niflheim, Niflhel, helvegr und Heljar. Belegt ist Helheim erst in der Handbuchliteratur des 19. Jahrhunderts: Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Bd. 8, S. 346 und Bd. 12, S. 220. Das ist ein Befund der geprüften Ausgaben.
Vier Verortungen nebeneinander
| Ausgabe und Fundstelle | Was sie zur Verortung sagt | Betrifft |
|---|---|---|
| Simrock 1876, Gylfaginnîng 34, S. 268 | Hel wird hinab nach Niflheim geworfen und erhält „Gewalt über neun Welten“ | Gestalt und Ort |
| Simrock 1876, Gylfaginnîng 3, S. 251; Register S. 475 | zwei Stationen nacheinander, Hel und danach Niflhel, „unten in der neunten Welt“; das Register führt beide als eigene Lemmata | Ort |
| Meyers, Bd. 12, S. 220 | Helheim liegt in Niflheim, „am äußersten Ende von Jötunheim, von einem Strom umflossen“ | Ort |
| Meyers, Bd. 8, S. 346 | Hel wird nach Niflheim hinabgestürzt und „thront dort in Helheim“ | Gestalt und Ort |
| altnordischer Wortlaut, Gylfaginning | stützt die beiden ersten Zeilen: „í Niflheim“ und „í Niflhel … niðr í inn níunda heim“ | Ort |
Die vier Angaben gehen auseinander; diese Seite stellt sie nebeneinander und löst den Widerspruch nicht auf.
Zur Namensgleichheit: Das Register derselben Ausgabe trennt „Giöll, Felsen 270.“ vom „Fluß 16. 251. 288; Giöllbrücke 288.“. Der Felsen auf S. 270 gehört zur Fesselung des Fenriswolfs, der Fluß samt Brücke zum Weg über die Gjallarbrú; derselbe Name trägt in einer Ausgabe zwei verschiedene Dinge.
Leserfragen zu Hel
Was bedeutet der Name Hel?
Belegt ist nur die Wortangabe des Meyers Konversations-Lexikons: „Hel (bei den Goten Halja, altdeutsch Hellia)". Eine Namensdeutung tragen die geprüften Quellentexte nicht. Mehr dazu im Nachleben-Abschnitt.
Wer ist die nordische Totengöttin Hel?
Die Leitausgabe führt Hel in Kapitel 34 ohne Rangwort; auch ihr Register bestätigt das. „Göttin der Unterwelt und des Todes" steht erst bei Meyers: ein Wort des Lexikons. Einzelheiten im Abgrenzungs-Abschnitt.
Für was steht Hel?
Für die belegte Zuständigkeit laut Gylfaginnîng, Kapitel 34: „Gewalt über neun Welten" über die, die „vor Alter oder an Krankheiten starben". „Alle Toten" trägt keine geprüfte Ausgabe.
Ist Hel die Tochter von Loki?
Ja: Die Gylfaginnîng, Kapitel 34, nennt „das dritte war Hel", altnordisch bestätigt; die Mutter heißt in der Ausgabe Angurboda.
Quellen und Ausgaben
- Karl Joseph Simrock (Übersetzer), Die Edda, die ältere und jüngere nebst den mythischen Erzählungen der Skalda, 6. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart 1876; benutzt Gylfaginnîng 3, 34, 49 und das Register.
- Snorri Sturluson, Verfasser der Snorra-Edda, in ebendieser Ausgabe.
- Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage, Bd. 8, S. 346; Bd. 12, S. 220; unsignierte Artikel, Zweitbeleg.
- Der altnordische Wortlaut der Snorra Edda, ohne Übersetzer, als Gegenprobe.
- Auswahlregel: gemeinfrei, je Ausgabe am Todesjahr des Übersetzers geprüft.